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Auf gewisse Ausleger der Alten

Von

Beklagt des Grüblers trocknen Fleiß,
Der in der Alten besten Werken
Nur eine Lesart zu bemerken,
Nur Wörter auszusichten weiß.
Ihr Geist, Geschmack und Unterricht
Befruchtet seine Seele nicht,
Sie mag sich noch so weise dünken:
Und, nützt der klügern Welt sein Buch,
So gleicht er denen, die, zum Fluch,
Den Wein zwar keltern, doch nicht trinken.

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Gedicht: Auf gewisse Ausleger der Alten von Friedrich von Hagedorn

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Auf gewisse Ausleger der Alten“ von Friedrich von Hagedorn kritisiert in pointierter Weise die Art und Weise, wie einige Gelehrte der Alten Schriften und Werke studieren. Es handelt sich um eine Abrechnung mit dem reinen Wortgelehrten, der sich ausschließlich auf die akribische Analyse von Texten konzentriert, ohne den tieferen Sinn und die ästhetische Qualität zu erfassen.

Hagedorn beginnt mit der Klage über den „trocknen Fleiß“ des Grüblers, was auf eine ermüdende und wenig inspirierende Art der Auseinandersetzung mit den alten Werken hindeutet. Der Gelehrte ist offenbar so sehr auf die Suche nach einer einzigen, „richtigen“ Lesart und die minutiöse Betrachtung einzelner Wörter fixiert, dass er den eigentlichen Geist der Texte, ihre Schönheit und ihren lehrenden Wert verkennt. Der Dichter wirft ihm vor, dass „Ihr Geist, Geschmack und Unterricht“ seine Seele nicht befruchten, was bedeutet, dass der Gelehrte keine persönliche Bereicherung aus seiner Beschäftigung zieht.

Das Gedicht steigert sich in seiner Kritik. Der Autor unterstreicht die Selbstüberschätzung des Gelehrten, indem er feststellt, dass er sich „noch so weise dünken“ mag. Doch die eigentliche Pointe des Gedichts liegt in dem abschließenden Vergleich: Der Gelehrte gleicht denen, die „zum Fluch, / Den Wein zwar keltern, doch nicht trinken.“ Diese Metapher ist besonders wirkungsvoll, da sie die Essenz der Kritik auf den Punkt bringt: Der Gelehrte besitzt das Wissen und die Fähigkeit, die Texte zu analysieren (den Wein zu keltern), aber er versteht und genießt ihre wahre Bedeutung nicht (er trinkt den Wein nicht). Er versäumt es, die Früchte seiner Arbeit zu genießen und die Weisheit und den Genuss aus den alten Werken zu ziehen.

Die Strophenstruktur und die Sprache des Gedichts sind klar und prägnant, mit einem leicht ironischen Unterton, der die Kritik noch verstärkt. Hagedorn verzichtet auf komplizierte Stilmittel und wählt stattdessen eine einfache, aber effektive Wortwahl, um seine Botschaft klar zu vermitteln. Das Gedicht ist somit nicht nur eine Kritik an einer bestimmten Art der Gelehrsamkeit, sondern auch eine Ermutigung, sich den Werken der Vergangenheit mit Offenheit, Sensibilität und dem Wunsch nach persönlicher Bereicherung zu nähern.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.