Auf einer Wanderung
1804In ein freundliches Städtchen tret′ ich ein, In den Straßen liegt roter Abendschein. Aus einem offnen Fenster eben Über den reichsten Blumenflor Hinweg hört man Goldglockentöne schweben, Und eine Stimme scheint ein Nachtigallenchor, Daß die Blüten beben, Daß die Lüfte leben, Daß in höherem Rot die Rosen leuchten vor.
Lang′ hielt ich staunend, lustbeklommen. Wie ich hinaus vors Tor gekommen, Ich weiß es wahrlich selber nicht. Ach hier, wie liegt die Welt so licht! Der Himmel wogt in purpurnem Gewühle, Rückwärts die Stadt in goldnem Rauch; Wie rauscht der Erlenbach, wie rauscht im Grund die Mühle!
Ich bin wie trunken irrgeführt: O Muse, du hast mein Herz berührt Mit einem Liebeshauch.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Auf einer Wanderung" von Eduard Mörike beschreibt eine sinnliche Reise durch ein idyllisches Städtchen und die umgebende Natur, die den lyrischen Ich- Sprecher tief berührt und inspiriert. Der Sprecher betritt ein freundliches Städtchen im Abendrot, wo er von den Klängen einer Musik und Vogelgesangs aus einem offenen Fenster überwältigt wird. Die Schönheit der Blumen, der Klang der Musik und der Vogelgesang lassen die Natur um ihn herum erstrahlen und zum Leben erwachen. In der zweiten Strophe verlässt der Sprecher das Städtchen und findet sich vor dem Tor wieder, ohne sich bewusst zu sein, wie er dorthin gelangt ist. Die Welt erscheint ihm in einem lichten und reinen Zustand. Der Himmel wogt in purpurnen Farben, während die Stadt im goldenen Rauch liegt. Die Geräusche des Erlenbachs und der Mühle im Tal verstärken die idyllische Atmosphäre. Der Sprecher fühlt sich wie betrunken und von einer Muse berührt, die sein Herz mit einem Hauch der Liebe erfüllt. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Verbundenheit des lyrischen Ichs mit der Natur und der Schönheit, die es umgibt. Die sinnlichen Eindrücke, wie die Farben des Abendrots, die Klänge der Musik und der Vogelgesang, lassen die Umgebung in einem besonderen Licht erstrahlen und das Herz des Sprechers berühren. Die Muse symbolisiert hier die Inspiration und die erhabene Schönheit, die den Sprecher in einen Zustand der Verzückung und des Staunens versetzt. Das Gedicht vermittelt eine romantische Vorstellung von der Natur als Quelle der Inspiration und der Liebe.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Über den reichsten Blumenflor
- Hyperbel
- Daß in höherem Rot die Rosen leuchten vor
- Metapher
- Der Himmel wogt in purpurnem Gewühle
- Personifikation
- Daß die Blüten beben, Daß die Lüfte leben
- Synästhesie
- Goldglockentöne schweben
- Vergleich
- Ich bin wie trunken irrgeführt