Auf einen Granatapfel

Karl Wilhelm Ramler

1767

Find’ ich dich hier in deiner grünen Krone? Zerspaltest du die purpurrothe Brust An dieser Sonn’? o Liebling der Pomone! O Proserpinens Apfel! die mit Lust Und Wollust deine goldnen Körner Im Reich des Höllengottes ass, Und allen Nektar ferner Und den Olymp vergass.

Der Erdball ändert sich: das Meer entfliehet, Und macht dem Pfluge Raum; der Fels sinkt ein; Und, o Berlin! dein dürrer Boden blühet: Pomona füllt ihr Horn in dir allein, In dir kann Flora, nach Begehren, Sich tausendfache Kränze drehn, Und ganz verdeckt in Aehren Die blonde Ceres gehn.

Und fremde Bäum’, ihr junges Haupt umschoren, Bringt dir Sylvan, und zieht ein Labyrinth Von Büschen auf vor diesen stolzen Thoren, Die mir und allen Künsten offen sind, Die jetzt auf Flügeln Dädals eilen, Hoch über Meer und über Land, Bleymasse, Meissel, Feilen In ihrer harten Hand.

Urplötzlich sind der Felsen graue Rücken Zu Tempeln und Palästen ausgehöhlt, Die rund umher der Pyrrha Kinder schmücken, Noch halb den Steinen gleich, und halb beseelt. Ihr Götter! prächtig aus Ruinen Erhebt sich euer Pantheon: Die Weisen alle dienen, Die Völker lernen schon.

Sagt, Sterbliche, den Sphären ihre Zahlen, Und sagt dem wilden Winde seinen Lauf, Und wägt den Mond, und spaltet Sonnenstralen, Deckt die Geburt des alten Goldes auf, Und steiget an der Wesen Kette Bis dahin, wo den höchsten Ring Zevs an sein Ruhebette Zu seinen Füssen hieng.

Wohl dir, o du, durch meinen Freund regieret, Athen an Geist, voll Muth, wie Sparta war: Es zog, von Kastors Liede gern verführet, Zum Kampf hinaus mit aufgebundnem Haar; Die Feinde, die den Kampf verloren, Erwiederten, (nicht ohne Neid!) Die Stadt sey nur geboren Zu Waffen und zum Streit. –

So sang Kalliope, die, voll Entzücken, Mit ihrer kriegerischen Tuba kam, Und, nicht gesehn von ungeweihten Blicken, Den Weg zum Tempel des Apollo nahm, Wo schon mit Lauten und mit Flöten, Verlarvt und im Zypressenkranz, Sich ihre Schwestern drehten Im schönsten Reihentanz.

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Illustration zu Auf einen Granatapfel

Interpretation

Das Gedicht "Auf einen Granatapfel" von Karl Wilhelm Ramler ist eine Ode, die den Granatapfel als Symbol für Schönheit, Fruchtbarkeit und kulturelle Blüte preist. Der Dichter beginnt mit einer Anrufung des Granatapfels, der in seiner grünen Krone und mit seiner purpurroten Frucht als Liebling der Pomona und als Apfel der Proserpina beschrieben wird. Dies verbindet den Granatapfel mit der römischen Mythologie und deutet auf seine Rolle als Fruchtbarkeitssymbol hin. Im zweiten Teil des Gedichts wendet sich Ramler der Stadt Berlin zu, die er als einen Ort beschreibt, an dem die Natur trotz ihres trockenen Bodens erblüht. Pomona, Flora und Ceres, die Göttinnen der Fruchtbarkeit, des Frühlings und der Landwirtschaft, werden als präsent und aktiv in Berlin dargestellt. Dies symbolisiert die kulturelle und intellektuelle Blüte der Stadt, die als Zentrum der Künste und Wissenschaften gilt. Der letzte Teil des Gedichts feiert die Errungenschaften der Menschheit in Wissenschaft und Kunst. Ramler preist die Fähigkeit der Menschen, die Natur zu verstehen und zu beherrschen, von der Berechnung der Himmelskörper bis zur Erschließung der Geheimnisse der Natur. Er schließt mit einem Lobgesang auf Athen, das er als geistiges und mutiges Zentrum beschreibt, das bereit ist, für seine Ideale zu kämpfen. Die Musen, angeführt von Kalliope, werden als Inspiratoren und Begleiter der menschlichen Bestrebungen dargestellt, die im Tempel des Apollo zusammenkommen, um die Künste zu feiern.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Sagt, Sterbliche, den Sphären ihre Zahlen
Anspielung
Den Weg zum Tempel des Apollo nahm
Hyperbel
In dir kann Flora, nach Begehren, Sich tausendfache Kränze drehn
Metapher
Kalliope, die, voll Entzücken, Mit ihrer kriegerischen Tuba kam
Personifikation
Find' ich dich hier in deiner grünen Krone?
Symbolik
O Proserpinens Apfel
Vergleich
Noch halb den Steinen gleich, und halb beseelt