Auf einem Zettel in der Badestube

Wilhelm Müller

unknown

Hier liege, glückliches Papier, Bis die Geliebte blickt nach dir, Und rollt dich auf und liest und lacht Und denkt: »Wer hat mir das gemacht?«

Sie hebt dich auf, sie steckt dich ein, Sie wirft dich weg, es könnte sein: Dann lieg am Boden still und stumm Und rühr dich nicht und sieh dich um.

Und sieh, was ich nicht denken kann, Mit unverwandten Blicken an. Sie fühlt bei dir sich nicht belauscht, Die Hülle sinkt, das Wasser rauscht.

O fliege, glückliches Papier, O fliege dann zurück zu mir! Was ich gedacht, dir ward′s vertraut, Vertraue mir, was du geschaut.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Auf einem Zettel in der Badestube

Interpretation

Das Gedicht "Auf einem Zettel in der Badestube" von Wilhelm Müller beschreibt die Hoffnung und Sehnsucht des lyrischen Ichs, durch einen Zettel mit der Geliebten in Verbindung zu treten. Das Papier wird als Bote und Vermittler der Gedanken und Gefühle des Sprechers eingesetzt. Es soll die Aufmerksamkeit der Geliebten auf sich ziehen, von ihr gelesen und möglicherweise belächelt werden. Das lyrische Ich hofft, dass der Zettel von der Geliebten aufgehoben und mitgenommen wird, um dann heimlich beobachten zu können, was sie in der Badestube treibt. Das Gedicht vermittelt eine Atmosphäre von heimlicher Beobachtung und voyeuristischem Verlangen. Das lyrische Ich wünscht sich, durch den Zettel einen Einblick in die Intimsphäre der Geliebten zu erhalten. Die Badestube wird als ein Ort der Verletzlichkeit und des Entblößens dargestellt, wo die Hülle sinkt und das Wasser rauscht. Das lyrische Ich sehnt sich danach, die Geliebte unbeobachtet zu sehen und ihre Reaktion auf den Zettel zu erfahren. Das Gedicht endet mit dem Wunsch des lyrischen Ichs, dass der Zettel nach seiner Beobachtungstour zur Badestube zu ihm zurückkehrt und ihm berichtet, was er gesehen hat. Es entsteht der Eindruck einer unerfüllten Liebe und eines unerreichbaren Begehrens. Das lyrische Ich bleibt auf Distanz und kann nur durch den Zettel eine Verbindung zur Geliebten herstellen. Das Gedicht vermittelt eine Stimmung von Sehnsucht, Neugier und unerfüllter Leidenschaft.

Schlüsselwörter

glückliches papier sieh fliege liege geliebte blickt rollt

Wortwolke

Wortwolke zu Auf einem Zettel in der Badestube

Stilmittel

Anapher
Sie hebt dich auf, sie steckt dich ein, Sie wirft dich weg
Apostrophe
Hier liege, glückliches Papier
Direkte Ansprache
Hier liege, glückliches Papier
Hyperbel
Sie fühlt bei dir sich nicht belauscht
Metapher
Die Hülle sinkt, das Wasser rauscht
Personifikation
Hier liege, glückliches Papier, Bis die Geliebte blickt nach dir