Auf ein errötendes junges Mädchen, das ich im Louvre sah

Friedrich Hebbel

unknown

Ich ließ mein Auge auf dem deinen ruhn, Da ward zur Purpurflamme dein Gesicht; Du warst ein Kind, ein Mädchen bist du nun, So weigre auch die Mädchenfrucht mir nicht.

Dein Mund ist reif jetzt für den ersten Kuß, Er gleicht der Herzenskirsche, die zersprang Vor aller Feuersäfte letztem Schuß, Und nun verspritzt, was sie so heiß durchdrang.

Ich hab′ ein Recht auf ihn, ich hab′ in dir Die Glut, die ihn gezeitigt hat, geweckt, Drum raub′ ich ihn mit kecker Lippe mir, Wie Vögel Beeren, die kein Laub mehr deckt.

Vielleicht vollendet dieser Kuß mein Glück, Du wirst durch ihn dir deiner ganz bewußt, Und wie du Mädchen wardst vor meinem Blick, So wirst du auch noch Weib an meiner Brust!

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Illustration zu Auf ein errötendes junges Mädchen, das ich im Louvre sah

Interpretation

Das Gedicht "Auf ein errötendes junges Mädchen, das ich im Louvre sah" von Friedrich Hebbel beschreibt die Beobachtung eines jungen Mädchens, das sich im Übergang zum Erwachsenwerden befindet. Der Sprecher bemerkt, wie das Mädchen errötet, was als Zeichen ihrer erwachenden Weiblichkeit interpretiert wird. Er betrachtet diesen Moment als eine Art Initiation in die Welt der Erwachsenen und sieht sich selbst als denjenigen, der diese Verwandlung vollenden wird. In den folgenden Strophen wird die körperliche Anziehung des Sprechers deutlich. Er beschreibt den Mund des Mädchens als reif für den ersten Kuss und vergleicht ihn mit einer Kirsche, die vor lauter Saft zerspringt. Der Sprecher fühlt sich berechtigt, diesen Kuss zu stehlen, da er glaubt, die Leidenschaft in ihr geweckt zu haben. Diese Berechtigung wird mit der eines Vogels verglichen, der Beeren stiehlt, die kein Blatt mehr schützt. Die letzte Strophe deutet auf die möglichen Folgen dieses Kusses hin. Der Sprecher hofft, dass dieser Kuss das Glück des Mädchens vollenden und ihr Bewusstsein für ihre eigene Weiblichkeit schärfen wird. Er imaginiert, dass sie, genau wie sie vor seinen Augen zum Mädchen wurde, auch vor seinen Augen zur Frau werden wird. Dies unterstreicht die Rolle des Sprechers als Initiator und Vollender des Erwachsenwerdungsprozesses des Mädchens.

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Stilmittel

Alliteration
Dein Mund ist reif jetzt für den ersten Kuß
Bildsprache
Ich hab′ ein Recht auf ihn, ich hab′ in dir Die Glut, die ihn gezeitigt hat, geweckt
Enjambement
Vielleicht vollendet dieser Kuß mein Glück, Du wirst durch ihn dir deiner ganz bewußt
Hyperbel
Zur Purpurflamme dein Gesicht
Metapher
Du warst ein Kind, ein Mädchen bist du nun
Personifikation
Vögel Beeren, die kein Laub mehr deckt
Vergleich
Er gleicht der Herzenskirsche, die zersprang