Auf ein altes Mädchen
1829Dein Auge glüht nicht mehr, wie einst, Und deine Wang′ ist nicht mehr rot, Und wenn du jetzt vor Sehnsucht weinst, So gilt es keinem, als dem Tod. Nichts bist du, als ein Monument, Das, halb verwittert und gering, Nur kaum noch einen Namen nennt, Mit dem ein Leben unterging.
Doch, wie hervor die Toten gehn Aus ihrer Gruft in mancher Nacht, Darfst du zuweilen auferstehn Zu altem Glanz und alter Pracht, Wenn tief dich ein Gefühl ergreift, Wie es vielleicht dich einst bewegt, Und dir den Schnee vom Herzen streift, Der längst sich schon darauf gelegt.
Da bist du wieder, wie zuvor, Und was die Mutter einst entzückt, Wodurch du der Gespielen Chor Einst anspruchlos und still beglückt, Das alles ist noch einmal dein, Von einem Wunderstrahl erhellt, Gleichwie vom späten Mondenschein Die rings in Schlaf begrabne Welt.
Mir aber wird es trüb zumut, Mir sagt ein unbekannter Schmerz, Daß tief in dir verschlossen ruht, Was Gott bestimmt hat für mein Herz, Und will′s dann hin zu dir mich ziehn, Ach, mit allmächtiger Gewalt, So muß ich stumm und blutend fliehn, Denn du bist wieder tot und kalt.
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Interpretation
Das Gedicht "Auf ein altes Mädchen" von Friedrich Hebbel beschreibt den Wandel einer Frau vom jugendlichen Leben zur alten, leblosen Gestalt. Die erste Strophe malt ein düsteres Bild: Die Augen verlieren ihren Glanz, die Wangen ihre Röte, und die Sehnsucht richtet sich nur noch auf den Tod. Sie ist zu einem halb verwitterten Monument geworden, das kaum noch ihren Namen trägt – ein Symbol für ein Leben, das vergangen ist. In der zweiten Strophe gibt es jedoch eine kurze Wiederauferstehung. Wie Tote, die in der Nacht aus ihren Gräbern treten, erwacht sie zuweilen zu altem Glanz und alter Pracht. Ein tiefes Gefühl reißt den Schnee von ihrem Herzen, der sich dort längst gelegt hat. Für einen Moment kehrt sie zurück zu dem, was sie einst war – eine Gestalt, die ihre Mutter entzückte und ihre Spielgefährtinnen still beglückte. Dieser Moment wird wie vom späten Mondenschein erhellt, der über eine schlafende Welt fällt. Die letzte Strophe jedoch trübt die Stimmung. Der Sprecher fühlt einen unbekannten Schmerz, da das, was Gott für sein Herz bestimmt hat, tief in ihr verschlossen ruht. Obwohl er von einer mächtigen Kraft zu ihr hingezogen wird, muss er stumm und blutend fliehen, denn sie ist wieder tot und kalt. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass die Wiederauferstehung nur von kurzer Dauer ist und die Endgültigkeit des Todes unausweichlich bleibt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- tief in dir verschlossen ruht
- Hyperbel
- mit allmächtiger Gewalt
- Kontrast
- gleichwie vom späten Mondenschein
- Metapher
- Du bist wieder tot und kalt
- Personifikation
- Dein Auge glüht nicht mehr
- Symbolik
- Mondenschein