Auf Dornen oder Rosen hingesunken...
1842Auf Dornen oder Rosen hingesunken? - - Ob leiser Atem von den Lippen fließt - - Ob ihr der Krampf den kleinen Mund verschließt - - Kein Öl der Lampe? - oder keinen Funken? -
Der Jüngling - betend - tot - im Schlafe trunken? - Ob er der Jungfrau höchste Gunst genießt - Was ist′s? das der gefallne Becher gießt - - Hat Gift, hat Wein, hat Balsam sie getrunken -
Und sieh! des Knaben Arme Flügel werden - - Nein Mantelsfalten, - Leichentuches Falten Um sie strahlt Heilgenschein - zerraufte Haare -
O deute die undeutlichen Geberden, O laß des Zweifels schmerzliche Gewalten - Enthüll, verhüll das Freudenbett - die Bahre.
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Interpretation
Das Gedicht "Auf Dornen oder Rosen hingesunken..." von Clemens Brentano beschäftigt sich mit dem Übergang zwischen Leben und Tod, zwischen weltlicher Liebe und geistlicher Erhebung. Der Dichter stellt eine Reihe von Fragen, die die Ungewissheit und das Rätselhafte dieses Übergangs betonen. Die Bildsprache von Dornen und Rosen, von Gift, Wein und Balsam, sowie die Verwandlung der Arme des Jünglings in Flügel oder Mantelsfalten, symbolisieren die Ambivalenz und die Vielfalt der Interpretationen, die der Tod und das Jenseits hervorrufen. Die Ambiguität wird durch die Frage nach dem Zustand des Jünglings verstärkt – ob er tot ist, im Schlaf versunken oder in einem tranceähnlichen Zustand der Andacht. Die Jungfrau, die möglicherweise die höchste Gunst des Jünglings genießt, bleibt in ihrem Zustand unklar, was die Spannung zwischen körperlicher Liebe und spiritueller Vereinigung unterstreicht. Der gefallene Becher, aus dem Gift, Wein oder Balsam getrunken wurde, dient als Metapher für die ungewisse Natur des Todes und die verschiedenen Wege, die er einschlagen kann. Im letzten Strophenabschnitt verwandelt sich die Szene in eine mystische Vision, in der der Knabe Flügel wächst oder in Mantelsfalten gehüllt ist, umgeben von einem Heiligenschein. Dies deutet auf eine Verklärung oder Heiligsprechung hin, die den Übergang vom Irdischen zum Göttlichen markiert. Die Aufforderung, die undeutlichen Geberden zu deuten und das Freudenbett – die Bahre – zu enthüllen oder zu verhüllen, fordert den Betrachter auf, die Grenzen zwischen Leben und Tod, zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren zu hinterfragen und zu erkunden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Apostrophe
- O deute die undeutlichen Geberden
- Bildsprache
- Um sie strahlt Heiligenschein - zerraufte Haare
- Kontrast
- Ob leiser Atem von den Lippen fließt - Ob ihr der Krampf den kleinen Mund verschließt
- Metapher
- das Freudenbett - die Bahre
- Rhetorische Fragen
- Ob er der Jungfrau höchste Gunst genießt - Was ist's? das der gefallne Becher gießt - Hat Gift, hat Wein, hat Balsam sie getrunken