Auf die Trägheit

Benjamin Neukirch

1684

»Wie lange wird mir doch in Leipzig hier die Zeit!« Sprach Muffel voller Angst in seiner Einsamkeit, Als er vom Jagen kam und schon in sieben Wochen Die kranken Bücher nicht vor Ekel angerochen. »Es ist doch,« fuhr er auf, »ein recht verdammter Ort. Die Thaler fliegen so wie Fledermäuse fort; Man muß von Morgen an bis auf den Abend borgen, Bald für den Krämerknecht, bald für den Doktor sorgen; Doch thät’ ich alles noch, hätt’ ich nur Lust dabei; So ist der Zeitvertreib allhier Melancholei. Man sieht den ganzen Tag nur kaufen und verkaufen, Nur in die Kirche gehn und in die Schule laufen, Und wenn ein Schatten sich von Freuden noch bewegt, So wird der Weg dazu durch Häscher auch verlegt. Soll ich –?« Hier legte sich der allzu große Jammer; Es trat Androphilus in die betrübte Kammer. Sobald ihn Muffel sah, so rief er schon nach Wein; Dann holt’ er erst den Gast mit Komplimenten ein, Und beide satzten sich. Das allererste Fragen War, was sich neues jetzt in Pommern zugetragen. »Nichts,« sprach Androphilus, »als daß sich Schweden wehrt Und lieber Krieg und Tod als Fried’ und Ruh’ begehrt.« »Ist denn der Schwede toll?« fing Muffel an zu schreien, »Es kann ihm ja ein Kind das Ende prophezeien. Sieh nur die Karten an: Hier ist der Sachsen Stand, Dort hat der Däne sich, da Preußen hingewandt, Und hier ist Schweden schon zu Wasser abgeschnitten. Er muß, beim Element, er muß um Friede bitten!« »Was,« sprach Androphilus, »gehn mich die Schweden an? Bei mir wird aller Krieg mit Gläsern abgethan.« »Ha!« sagte Muffel drauf, »ich hätt’ es bald vergessen: Es lebe, was das Schwert auf Schweden abgemessen!« »Es lebe, was uns liebt!« sprach nur Androphilus. »Auf einen solchen Trunk schmeckt auch ein süßer Kuß,« Versetzte Muffel gleich. »Hast du was ausgefunden, Da man das Herze kühlt und die so schweren Stunden Durch Scherz versüßen kann?« »Mein Freund, ich hab’ es schon,« War bald des andern Wort. »Es hat kein Fürstenthron Ein schöner Weibesbild; allein du mußt dich zwingen Und nur von ferne gehn, nicht gleich auf Werke dringen.« »Ich thue, was du sagst,« sprach Muffel ganz erfreut, »Nur hebe bald die Last von meiner Traurigkeit.«

Sie gingen beide fort, und Muffel ward empfangen; Ein angenehmes Kind von rosenroten Wangen, Von hochgesetzter Brust und Augen wie der Blitz Zog ihn durch einen Blick gleich auf den Narrensitz. »Ach,« sprach er ganz entzückt, »nun will ich nicht mehr klagen, Daß man in Leipzig sich muß mit dem Tage plagen. Nun treff’ ich alles hier in meiner Göttin an, Was mir die Zeit verkürzt und mich ergetzen kann.« Man brachte süßen Wein und kostbare Salaten, Die Tafel bog sich fast von Reh- und Hasenbraten; Was nur die Kunst vermag und nur ein Koch erdacht, War in der Enge hier fast alles angebracht. Der Schönen war niemals ein solcher Tag erschienen, Und Muffel wußte sie so artig zu bedienen, Daß, da der starke Wein ihr aus der Stirne brach, Sie endlich halb und halb von Gegenliebe sprach. Die Mutter netzte sich in tausend Freudenthränen Und fing im Herzen an, sich selbst nach ihm zu sehnen; Doch ging die Tochter vor, drum zog sie wieder ein. »Ach,« war ihr kluges Wort, »wo Kavaliere sein, Da ist doch alles schön. Die Stadt weicht doch dem Lande, Und was ein Edler thut, das schmeckt auch nach Verstande.«

So wie ein welscher Hahn, wenn ihm ein Hirte pfeift, Den roten Kopf erhebt und seine Flügel streift, So stieg auch Muffeln hier das Wort an seinen Kragen. (Sein Adel war wohl nur ein Werk von wenig Tagen. Der Vater hatte noch erst Pfeffer eingekauft, Als man ihn für sein Geld inzwischen umgetauft; Jedoch ein Wappenbrief, den man so hoch erhandelt, Hat auch die Kräfte schon, daß er das Blut verwandelt.) Der Name Kavalier war ein zu süßes Wort, Drum jagte Muffel gleich den müden Diener fort, Und dieser kam auch bald mit vollen Sprüngen wieder, Warf einen ganzen Kram von Band und Fächern nieder, Zog aus dem Busen noch ganz neu geblümten Flor Und ein mit Gold und Kunst gewirktes Tuch hervor. »Nimm diese Kleinigkeit,« sprach Muffel voller Freuden. »Bald will ich, Schönste, dich in Gold und Silber kleiden.« Die junge Dorilis sprang wie ein junges Pferd. »Ach,« sprach sie, »dieses ist ja hundert Küsse wert!« Sie gab ihm einen Kuß, der immer junge heckte Und wieder neue Lust zum Schenken auch erweckte. Androphilus verschlang drei große Flaschen Wein, Die Mutter rauchte schon wie ein erhitzter Stein, Der aus dem Ofen kommt und immer wird begossen; Doch hatte Muffel noch das Küssen nicht geschlossen, Als endlich nach und nach das Wort sich wieder fand, Die Zeit zu Bette ging, Androphilus verschwand Aus Furcht, daß ihm der Wirt den Riegel möchte sperren. So dachte Muffels Knecht auch nun an seinen Herren, Wand ihm mit großer Müh’ die geilen Armen aus Und bracht’ ihn doch zuletzt noch lebend in das Haus.

Die Kramer hatten kaum die Laden aufgeschlagen, So sah man schon den Knecht Sineseräpfel tragen. Der Grund der Schale war mit Spitzen angefüllt, Und unter diesen lag Herr Muffels Ebenbild. Sobald der Diener nun das Kompliment empfangen, So kam auch schon sein Herr in neuer Tracht gegangen. Die Schöne fragte gleich nach seiner süßen Ruh’, Die Mutter setzte Milch und Chokolade zu, Die sie mit Eiern noch und Zimmet untermengte Und ihm aus Höflichkeit zum Gegendanke schenkte, Und also floß die Zeit und auch der Kummer hin. Die blinde Liebe ward der Tugend Mörderin, Und was zuweilen sich von Fleiße noch beweget, Ward alles auf einmal hier in den Sarg geleget. Die Bücher wurden nun der Würmer beste Kraft, Dagegen aber doch Romanen angeschafft. Talander konnte kaum was in die Presse senden, So hatt’ es unser Held am ersten in den Händen, Und wenn die Zeit erschien, da man nach welcher Art Die Fabeln singend spielt und kluge Worte spart, So flog kein Schüler so, des weisen Meisters Lehren, Als Muffel, den Betrug der Narren anzuhören. Was Bosens Garten nur durch frühe Kunst erzwingt, Was der Savoyer uns mit schweren Kosten bringt Und was uns Ceylon schickt für das erloschne Feuer, War vielen Großen wohl, doch Muffeln nicht zu teuer. Die Krämer nahmen schon im Glauben wieder ab, So fiel zu rechter Zeit der Vater in das Grab, Der ganzer vierzig Jahr durch sauren Geiz erworben, Was Muffeln auf einmal zur Wollust zugestorben.

Nun spielte Dorilis der Mutter klugen Rat; Sie weinte, wenn er sprach, sie seufzte, wenn er bat, Und als das Wasser ihm aus beiden Augen rollte, Als ihm der Mut entfiel und Muffel sterben wollte, So sprach das keusche Kind. »So war Banise nicht In ihrer Todesangst, als mir das Herze bricht, Da ich, o Muffel, dich auf ewig soll verlassen Und eines andern sein, den ich doch werde hassen. Ein reicher Handelsmann, von Jahren matt und alt, Von Schenkeln krumm und lahm und häßlicher Gestalt, Hat durch sein großes Gut der Mutter Sinn getrieben; Mich aber treibt die Not, was ich nicht will, zu lieben. Ach Muffel, denke doch, wie mir zu Mute sei! Stünd’ es in meiner Hand und mir der Wille frei, So würd’ ich mich wohl dir und keinem sonst bequemen. So geht die Nahrung vor; ich muß den Alten nehmen.« Dem armen Muffel schmelzt sein syrupweiches Herz, Er fühlt nun allererst Quixotens Seelenschmerz Und aller Ritter Qual, die sie bei vollem Hoffen In Tharsis, in Mycen, in Pontus hat betroffen. »Ach,« spricht er ganz entseelt, »zeuchst du die Nahrung für? Du findest, was du willst, o Schönste, ja bei mir. Nimm mich, so darfst du dich mit keinem Alten plagen.« Mehr durfte Muffel nicht zu ihrem Troste sagen. Sie fiel ihm um den Hals, sie lobte seine Treu’; Die Mutter stimmte gleich der Tochter Willen bei, Den sie doch längst vorher im Winkel abgezielet. Ein Advokat entwarf den Brief der Kümmernis, Und Muffel ward ein Schatz der schönen Dorilis.

Eh nun der Tag erschien, da nach so langem Leiden Der treue Ritter sich in Rosen sollte weiden, So sprach die Mutter noch vorher die Tochter an: Dein Glück ist nun gemacht, mein Kummer abgethan. Nun mußt du witzig sein und zwar von außen prahlen, Doch alles also drehn, daß Muffel muß bezahlen, Und wenn er endlich Herr von deinen Gliedern ist, So mache, daß du Frau von seinem Gelde bist. Nimm, wo du nehmen kannst, laß dir Geschenke geben, Laß immer etwas auch an deinen Fingern kleben Und sammle dir so viel, weil noch der Kasten währt, Damit du leben kannst, wenn er ihn ausgeleert. Des mag er, wenn er will, für Schuld und Angst entlaufen; Wir wollen uns ein Gut von seinem Gelde kaufen. Und weil Androphilus dein ganzes Glück gemacht, So gieb ihm wieder auch, was ich ihm zugedacht; Du weißt doch, was ich will. Sie ließ die Tochter fahren Und reiste weiter fort. Sie kaufte Kleiderwaren, Sie kaufte Lagerzeug zu beider süßen Ruh’, Sie gab den klugen Rat und Muffel Geld dazu. Er ließ mit vieler Lust Tokaierweine kommen, Es ward ein ganzes Heer von Dienern angenommen, Und endlich kam der Tag, den man so heilig schätzt. Allein die Nacht vorher, eh Muffel sich ergetzt Und an das Ende denkt von seinem langen Jammer, So führt Androphilum die Mutter in die Kammer. Er nahm der Liebe wahr, und Muffel nahm das Weib. Nun hat er, was er will, nun hat er Zeitvertreib.

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Illustration zu Auf die Trägheit

Interpretation

Das Gedicht "Auf die Trägheit" von Benjamin Neukirch ist eine satirische Erzählung über den jungen Muffel, der in Leipzig ein sorgloses und ausschweifendes Leben führt. Das Gedicht kritisiert die Trägheit und die moralische Verkommenheit der Gesellschaft. Das Gedicht beginnt mit Muffel, der sich über die Zeit in Leipzig beklagt. Er ist faul und hat seine Bücher seit sieben Wochen nicht angerührt. Er beschwert sich über die Kosten des Lebens und die Notwendigkeit, ständig Geld zu borgen. Muffel sehnt sich nach Ablenkung und Vergnügen, um seiner Melancholie zu entfliehen. Androphilus, ein Freund von Muffel, tritt in die Szene und schlägt vor, dass Muffel eine Frau finden sollte, um seine Zeit zu vertreiben. Muffel ist begeistert von der Idee und macht sich auf den Weg, um eine Schönheit zu finden. Er trifft auf Dorilis, eine junge Frau mit roten Wangen und funkelnden Augen. Muffel verliebt sich sofort in sie und verbringt Zeit mit ihr, indem er ihr teure Geschenke macht und sie mit Komplimenten überhäuft. Die Beziehung zwischen Muffel und Dorilis entwickelt sich weiter, und Muffel vernachlässigt seine Studien und seine Verpflichtungen. Er wird von seiner Liebe zu Dorilis blind und opfert seine Tugend und seinen Fleiß. Die Bücher werden vernachlässigt, und Muffel widmet sich stattdessen romantischen Geschichten und Unterhaltung. Das Gedicht endet damit, dass Muffel schließlich Dorilis heiratet, aber bevor die Hochzeitsnacht stattfindet, tritt Androphilus in die Szene und führt die Mutter von Dorilis in die Kammer. Es wird angedeutet, dass Androphilus eine Affäre mit der Mutter hat. Muffel bekommt, was er wollte, nämlich Ablenkung und Zeitvertreib, aber es wird deutlich, dass seine Liebe zu Dorilis oberflächlich und materialistisch war. Insgesamt kritisiert das Gedicht die Trägheit, die moralische Verkommenheit und die Oberflächlichkeit der Gesellschaft. Es zeigt, wie Muffel seine Zeit und Energie in sinnlose Vergnügungen investiert, anstatt sich seinen Verpflichtungen zu widmen. Das Gedicht ist eine Warnung vor den Gefahren der Trägheit und der Vernachlässigung der eigenen Verantwortung.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Auf die Trägheit

Stilmittel

Alliteration
So wie ein welscher Hahn, wenn ihm ein Hirte pfeift, Den roten Kopf erhebt und seine Flügel streift
Anapher
So hat er, was er will, nun hat er Zeitvertreib.
Hyperbel
Der ganzer vierzig Jahrs durch sauren Geiz erworben
Metapher
Die blinde Liebe ward der Tugend Mörderin
Personifikation
Die Thaler fliegen so wie Fledermäuse fort
Vergleich
So wie ein welscher Hahn, wenn ihm ein Hirte pfeift