Auf die Thränen

Catharina Regina von Greiffenberg

1662

Du treuer Augensafft! wann ich schier gar verschmachte in Ohnmacht sink dahin / so spritzstu ins Gesicht. Du bist bey mir / wann ich bin bey mir selber nicht. Sonst alle Labnuß ich / nur deine nicht / verachte. Du Brunn der wahren Lieb’! in dir / ich GOtt betrachte ja neben mir erblick’ in seinem gnaden-Liecht. Ich senk / ertränk in dir die Noht / die mich anficht du Herzgrund-Rotes Meer / den Sündhund dir auch schlachte. Die Tugend-Thetis / so bewohnet deinen grund wann Vnglück mich verfolgt und ich in dich mich stürze nimmt in ihr Königreich mich auff / mir zuflucht gunnt. Du trauer-saure flut / mein Leben mir verkürze! ihr Thränen / trennet mich von diesem Jammer Ort! als Perlen / Diamant werdt ihr mich zieren dort.

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Illustration zu Auf die Thränen

Interpretation

Das Gedicht "Auf die Thränen" von Catharina Regina von Greiffenberg handelt von der tiefen spirituellen Bedeutung, die die Dichterin den Tränen beimisst. In diesem Werk wird deutlich, dass Tränen nicht nur als Ausdruck von Trauer oder Schmerz verstanden werden, sondern als ein göttliches Geschenk, das den Menschen mit Gott verbindet. Die Tränen werden als treuer Begleiter beschrieben, der in Momenten der Ohnmacht und des inneren Zusammenbruchs Trost und Erleichterung spendet. Sie sind ein Symbol für die wahre Liebe und dienen als Medium, durch das die Dichterin Gott betrachtet und in seinem Gnadenlicht erblickt. Die Dichterin vergleicht die Tränen mit einem Brunnen der wahren Liebe, in dem sie Gott betrachtet und neben sich in seinem Gnadenlicht erblickt. Die Tränen werden als ein Rotes Meer beschrieben, in dem die Not, die sie plagt, versenkt und ertränkt wird. Dieses Meer hat die Kraft, den "Sündhund" zu töten, was auf die reinigende Wirkung der Tränen hinweist. Die Tugend-Thetis, die den Grund der Tränen bewohnt, nimmt die Dichterin in ihr Königreich auf und gewährt ihr Zuflucht, wenn das Unglück sie verfolgt. Die Tränen werden als trauer-saure Flut beschrieben, die das Leben der Dichterin verkürzt, aber auch als Mittel, das sie von diesem "Jammer Ort" trennt. Im letzten Vers des Gedichts wird die Hoffnung auf eine Verwandlung der Tränen in Perlen und Diamanten ausgedrückt, die die Dichterin im Jenseits zieren werden. Dies deutet auf die Überzeugung hin, dass die Tränen, die in diesem Leben vergossen werden, im nächsten Leben einen höheren Wert und eine größere Schönheit erlangen. Die Tränen sind somit nicht nur ein Zeichen der Vergänglichkeit und des Leids, sondern auch ein Versprechen auf ewige Herrlichkeit und die Nähe zu Gott. Die Dichterin sieht in den Tränen ein Mittel zur Reinigung und Erlösung, das sie letztendlich zu Gott führt.

Schlüsselwörter

wann bey treuer augensafft schier gar verschmachte ohnmacht

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Stilmittel

Anspielung
[Du Herzgrund-Rotes Meer Die Tugend-Thetis]
Hyperbel
[Du Brunn der wahren Lieb'! in dir / ich GOtt betrachte Du Herzgrund-Rotes Meer / den Sündhund dir auch schlachte.]
Metapher
[Du treuer Augensafft! Du bist bey mir / wann ich bin bey mir selber nicht. Du Brunn der wahren Lieb'! Du Herzgrund-Rotes Meer Die Tugend-Thetis]
Personifikation
[wann ich schier gar verschmachte / in Ohnmacht sink dahin / so spritzstu ins Gesicht. ja neben mir erblick' in seinem gnaden-Liecht. wann Vnglück mich verfolgt und ich in dich mich stürze Du trauer-saure flut / mein Leben mir verkürze!]
Symbolik
[Du Brunn der wahren Lieb'! Du Herzgrund-Rotes Meer Die Tugend-Thetis Du trauer-saure flut ihr Thränen / trennet mich von diesem Jammer Ort!]