Auf die Leiche eines Regenten

Christian Friedrich Daniel Schubart

1791

Seyd ihr, Götter dieser Erde, Seyd ihr Menschenstaub, wie wir? O! so zittert! Der Gefährte Eurer Größe lieget hier. Steigt von goldnen Stufen nieder Zu den Särgen eurer Brüder; Denkt beim Leichenpompe heut Auch an eure Sterblichkeit.

Habt ihr, wenn der junge Waise, Vor euch klagte, auch gehört? Und den fetten Bauch vom Schweiße Einer Wittwe nie genährt? Seyd ihr willig, reiche Sklaven Schwarzer Laster zu bestrafen? Helft ihr auch dem Tugendfreund, Wann er hülflos vor euch weint?

Fröhnt ihr selber nicht den Lüsten, Die ihr scharf an andern straft? Seyd ihr Bürger, seyd ihr Christen? Seyd ihr weis′ und tugendhaft? Sieht man nie von stolzen Höhen Euch verächtlich niedersehen? Kennt ihr eure Ritterpflicht? O! so kommt, und zittert nicht.

Denn hier schlummert ein Regente, Der Verlaß′nen Gutes that, Und die richterlichen Hände Nie mit Blut gefärbet hat; Der auf Lasterthaten blitzte Und der Wittwen Recht beschützte; Der dem Waisen und der Noth Willig seine Hände bot.

Unpartheyisch, wie der Sonne Warmer, segenschwangrer Strahl, Der den Eichen strömet Wonne, Wie dem Veilchen in dem Thal, Strahlt′ von seines Stuhles Höhen Allgemeines Wohlergehen In der Reichen Marmorhaus, Wie in arme Hütten aus.

Noch in halbentnervten Händen Trug er den Regentenstab, Und das Schwert an schlaffen Lenden, Das Gerechtigkeit ihm gab. Und, wie Helden, wenn sie sterben, Sprach er, ohne zu entfärben: Gott, hier ist die schwere Last, Die du mir vertrauet hast.

Aufgelöst in Thränen schwanken Arme hinter seiner Bahr; Stimmen der Verlaßnen danken Ihm, der ihre Stütze war. Goldne Zierde deines Standes, Vater unsers Vaterlandes, Unser unerkauftes Ach! Fliege deiner Seele nach.

Große, hebt die Angesichter Ueber jene Sternenbahn! Dorten trefft ihr euren Richter, Wie der ärmste Bettler, an; Ihn, vor dessen Ungewittern Auch der Cedern Wipfel zittern. Drum so übt noch in der Zeit Tugend und Gerechtigkeit.

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Illustration zu Auf die Leiche eines Regenten

Interpretation

Das Gedicht "Auf die Leiche eines Regenten" von Christian Friedrich Daniel Schubart ist eine moralische Abrechnung mit den Herrschenden und eine Lobpreisung eines gerechten Herrschers. Der Dichter fordert die Mächtigen auf, über ihr eigenes Handeln nachzudenken und sich ihrer Sterblichkeit bewusst zu werden. Er kritisiert die Ungerechtigkeit und den Luxus vieler Regenten und stellt ihnen einen idealen Herrscher gegenüber, der sich um die Armen und Schwachen kümmert. Der Dichter beschreibt den idealen Herrscher als unparteiisch und gerecht, der sich nicht von Reichtum oder Armut beeinflussen lässt. Er zeichnet ihn als einen Mann aus, der seine Macht zum Wohl des Volkes einsetzt und sich um die Belange der Unterdrückten kümmert. Der Dichter betont, dass dieser Herrscher auch im Angesicht des Todes standhaft bleibt und seine Verantwortung gegenüber Gott und den Menschen erkennt. Das Gedicht endet mit einer Warnung an die Mächtigen, dass sie eines Tages vor ihrem Schöpfer Rechenschaft ablegen müssen. Der Dichter fordert sie auf, in der Zeit der Gnade noch Gutes zu tun und Gerechtigkeit zu üben, bevor es zu spät ist. Er betont, dass auch die Mächtigsten vor Gott gleich sind und dass niemand seiner Verantwortung entkommen kann.

Schlüsselwörter

seyd nie zittert willig höhen hände arme gerechtigkeit

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Stilmittel

Anapher
Seyd ihr Götter dieser Erde Seyd ihr Menschenstaub, wie wir? O! so zittert! Der Gefährte Eurer Größe lieget hier.
Hyperbel
Große, hebt die Angesichter Ueber jene Sternenbahn!
Metapher
Die goldne Zierde deines Standes
Personifikation
Die richterlichen Hände Nie mit Blut gefärbet hat
Vergleich
Unpartheyisch, wie der Sonne Warmer, segenschwangrer Strahl