Auf der Station

Ludwig Eichrodt

1856

Nur eine Stunde sah ich dich, Und sprach kein Wort mit dir, Doch haben deine Züge sich Tiefeingeprägt in mir. Was du beginnst, wie du dich giebst, Ein Zauber liegt darin - Der Eine, den du sicher liebst, Verwirrt mir ganz den Sinn.

Ich will nicht fragen, wer du bist, Es bleibe besser fern, Ich bin ein leidlich guter Christ, Und mache Verse gern; Wer dich erblickt, der schuldet dir Ein huldigendes Wort, Gott sei mit dir, verzeihe mir, Und lach und reise fort!

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Illustration zu Auf der Station

Interpretation

Das Gedicht "Auf der Station" von Ludwig Eichrodt erzählt von einem flüchtigen, aber tiefen Eindruck, den eine unbekannte Frau auf den lyrischen Ich hinterlässt. In nur einer Stunde, ohne ein Wort gewechselt zu haben, prägen sich ihre Züge tief in das Gedächtnis des Sprechers ein. Die Begegnung ist von einer magischen Anziehungskraft geprägt, die den Sprecher verwirrt und fasziniert. Er stellt sich die Frage, wer die Frau sein mag und wie sie auf denjenigen wirkt, den sie liebt, was seine eigene Verwirrung noch verstärkt. Das lyrische Ich distanziert sich bewusst von der Neugier, mehr über die Frau erfahren zu wollen. Es betont, dass es besser sei, diese Neugier im Zaum zu halten, und verweist auf seine christliche Gesinnung sowie seine poetische Natur. Diese Selbstreflexion zeigt, dass der Sprecher sich seiner eigenen Reaktion bewusst ist und versucht, sie in einen moralischen und künstlerischen Kontext zu stellen. Die Begegnung wird somit zu einem Moment der Inspiration, der den Sprecher zu poetischem Ausdruck veranlasst. Das Gedicht endet mit einem Wunsch nach Vergebung und einem Aufruf an die Frau, zu lachen und weiterzureisen. Dieser Schluss deutet auf eine Mischung aus Bewunderung, Sehnsucht und Resignation hin. Der Sprecher akzeptiert die Vergänglichkeit der Begegnung und wendet sich mit einem Segenswunsch an die Frau, während er gleichzeitig um Vergebung für seine eigenen Gedanken und Gefühle bittet. Die Reise der Frau symbolisiert das Weiterziehen des Lebens, während das lyrische Ich mit dem Eindruck und den Gedanken zurückbleibt, die diese kurze Begegnung hinterlassen hat.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Anspielung
Ich bin ein leidlich guter Christ
Bildsprache
Und lach und reise fort
Hyperbel
Verwirrt mir ganz den Sinn
Kontrast
Ich will nicht fragen, wer du bist, Es bleibe besser fern
Metapher
Tiefeingeprägt in mir
Personifikation
Ein Zauber liegt darin