Auf den Tod des Schauspielers Hermann Müller

Hugo von Hofmannsthal

1924

Dies Haus und wir, wir dienen einer Kunst, Die jeden tiefen Schmerz erquicklich macht Und schmackhaft auch den Tod. Und er, den wir uns vor die Seele rufen, Er war so stark! Sein Leib war so begabt, Sich zu verwandeln, daß es schien, kein Netz Vermöchte ihn zu fangen! Welch ein Wesen!

Er machte sich durchsichtig, ließ das Weiße Von seinem Aug die tiefste Heimlichkeit, Die in ihm schlief, verraten, atmete Die Seele der erdichteten Geschöpfe Wie Rauch in sich und trieb sie durch die Poren Von seinem Leib ans Tageslicht zurück. Er schuf sich um und um, da quollen Wesen Hervor, kaum menschlich, aber so lebendig - Das Aug bejahte sie, ob nie zuvor Dergleichen es geschaut. ein einzig Blinzeln, Ein Atemholen zeugte, daß sie waren Und noch vom Mutterleib der Erde dampften! Und Menschen! Schließt die Augen, denkt zurück! Bald üppige Leiber, drin nur noch im Winkel Des Augs ein letztes Fünkchen Seele glost, Bald Seelen, die um sich, nur sich zum Dienst Ein durchsichtig Gehäus, den Leib, erbauen: Gemeine Menschen, finstre Menschen, Könige, Menschen zum Lachen, Menschen zum Erschaudern – Er schuf sich um und um: da standen sie.

Doch wenn das Spiel verlosch und sich der Vorhang Lautlos wie ein geschminktes Augenlid Vor die erstorbne Zauberhöhle legte Und er hinaustrat, da war eine Bühne So vor ihm aufgetan wie ein auf ewig Schlafloses aufgerißnes Aug, daran Kein Vorhang je mitleidig niedersinkt: Die fürchterliche Bühne Wirklichkeit. Da fielen der Verwandlung Künste alle Von ihm, und seine arme Seele ging Ganz hüllenlos und sah aus Kindesaugen. Da war er in ein unerbittlich Spiel Verstrickt, unwissend, wie ihm dies geschah; Ein jeder Schritt ein tiefrer als der frühere Und unerbittlich jedes stumme Zeichen: Das Angesicht der Nacht war mit im Bund, Der Wind im Bund, der sanfte Frühlingswind, Und alle gegen ihn! Nicht den gemeinen, Den zarten Seelen stellt das dunkle Schicksal Fallstricke dieser Art. Dann kam ein Tag, Da hob er sich, und sein gequältes Auge Erfüllte sich mit Ahnung und mit Traum, Und festen Griffs, wie einen schweren Mantel, Warf er das Leben ab und achtete Nicht mehr denn Staub an seines Mantels Saum Die nun in nichts zerfallenden Gestalten.

So denkt ihn. Laßt ehrwürdige Musik Ihn vor euch rufen, ahnet sein Geschick, Und mich laßt schweigen, denn hier ist die Grenze Wo Ehrfurcht mir das Wort im Mund zerbricht.

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Illustration zu Auf den Tod des Schauspielers Hermann Müller

Interpretation

Das Gedicht "Auf den Tod des Schauspielers Hermann Müller" von Hugo von Hofmannsthal ist eine poetische Hommage an den verstorbenen Schauspieler. Hofmannsthal preist die Kunst des Schauspiels, die selbst den tiefsten Schmerz und den Tod erträglich macht. Er erinnert an Hermann Müller, der eine außergewöhnliche Fähigkeit besaß, sich zu verwandeln und in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Müller konnte die Seelen der erdichteten Geschöpfe in sich aufnehmen und durch seinen Körper zum Leben erwecken. Er schuf eine Vielzahl von Charakteren, die so lebendig waren, dass das Auge sie bejahte, obwohl man sie noch nie zuvor gesehen hatte. Hofmannsthal beschreibt, wie Müller nach dem Ende einer Vorstellung, wenn sich der Vorhang wie ein geschminktes Augenlid über die Bühne legte, in die Wirklichkeit zurückkehrte. In diesem Moment fielen alle Verwandlungskünste von ihm ab und seine Seele ging ganz hüllenlos und unschuldig wie ein Kind hervor. Er war in ein unerbittliches Spiel verstrickt, das er nicht verstand und in dem jeder Schritt tiefer und schmerzhafter war als der vorherige. Die Nacht, der Wind und das Schicksal waren gegen ihn verbündet. Eines Tages erhob er sich jedoch und warf das Leben ab wie einen schweren Mantel, ohne auf die nun in nichts zerfallenden Gestalten zu achten. Zum Abschluss fordert Hofmannsthal den Leser auf, sich an Hermann Müller zu erinnern und seine Geschichte mit ehrwürdiger Musik zu begleiten. Er selbst möchte schweigen, da die Grenze der Ehrfurcht erreicht ist und ihm das Wort im Mund zerbricht. Das Gedicht ist eine bewegende Würdigung des Schauspielers Hermann Müller und ein Nachdenken über die Kunst des Schauspiels und die Vergänglichkeit des Lebens.

Schlüsselwörter

menschen seele leib aug rufen kein wesen durchsichtig

Wortwolke

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Stilmittel

Hyperbel
da war eine Bühne So vor ihm aufgetan wie ein auf ewig Schlafloses aufgerißnes Aug
Metapher
Hier ist die Grenze Wo Ehrfurcht mir das Wort im Mund zerbricht
Personifikation
Die fürchterliche Bühne Wirklichkeit