Auf den Tod der Luise Scheidegger

Gottfried Keller

1866

Du solltest ruhen und ich störe dich, Ich störe deine Ruhe, süsse Tote, Ich wecke dich im kühlen Morgenrote Und wecke dich, wenn Schlaf die Welt beschlich.

Die in der Morgenfrüh in leisen Schuhen Die Ruh gesucht und mir die Unruh gab, Nicht eine Feste ist dein zartes Grab, Drin du geborgen kannst und sicher ruhen!

Entschwundnes Gut, o Herz voll seltner Güte, Steh auf und schüttle nur dein nasses Haar! Tu auf die lieben Äuglein treu und klar, Gebrochen in des Lenzes reinster Blüte!

Du musst mit meinem Grame schmerzlich kosen, Solang er wacht, das ist die meiste Zeit! Erst wenn der Tod mir selber Ruh verleiht, Magst kehren du, zu ruhn im Wesenlosen.

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Illustration zu Auf den Tod der Luise Scheidegger

Interpretation

Das Gedicht "Auf den Tod der Luise Scheidegger" von Gottfried Keller thematisiert die tiefe Trauer und Sehnsucht des lyrischen Ichs nach der verstorbenen Luise. Der Sprecher stört die Ruhe der Toten, indem er sie im Morgengrauen und in der Nacht weckt, was seine innere Unruhe und den unerfüllten Wunsch nach ihrer Anwesenheit widerspiegelt. Das Grab der Verstorbenen wird als unsicher und vergänglich beschrieben, was die Vergänglichkeit des Lebens und die Unfähigkeit, die Verstorbene zu schützen, unterstreicht. Das lyrische Ich bittet die Tote, aufzustehen und ihre Augen zu öffnen, als ob sie noch am Leben wäre. Dies symbolisiert die Sehnsucht nach der verlorenen Schönheit und Reinheit, die in der "Gebrochen in des Lenzes reinster Blüte" zum Ausdruck kommt. Die Metapher des Frühlings und der Blüte deutet auf die unvollendete Jugend und das abrupte Ende eines vielversprechenden Lebens hin. Abschließend wird deutlich, dass das lyrische Ich die Trauer als ständigen Begleiter akzeptiert hat, der es solange begleiten wird, bis auch es selbst stirbt. Erst dann wird es der Verstorbenen möglich sein, in der "Wesenslosigkeit" Ruhe zu finden. Das Gedicht vermittelt somit eine tiefe emotionale Verbindung zwischen dem Lebenden und dem Toten, die durch den Tod nicht getrennt werden kann.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Ich störe deine Ruhe, süsse Tote
Hyperbel
Solang er wacht, das ist die meiste Zeit!
Metapher
Nicht eine Feste ist dein zartes Grab
Personifikation
Du solltest ruhen und ich störe dich