Auf den Gothilas

Friedrich von Hagedorn

1724

Der stolze Gothilas, ein neugedruckter Dichter, Ein Geist von starker Zeugungskraft, Fand, seiner Einsicht nach, den Glauben fehlerhaft, Und ward des Christenthums unbärt′ger Winkelrichter. Er quälte sein Gehirn, die Werkstatt früher List, Dir, o Spinoza, nachzuäffen: Als ein unsterblicher Deist, Der kleinen Ketzer Schwarm dereinst zu übertreffen! Dies Klügeln ward sein liebster Zeitvertreib; Doch, da er lange g′nug dem Himmel Hohn gesprochen, Erzürnt der Himmel sich, und spricht im Zorne: Schreib! Er schreibt: man pfeift ihn aus: der Himmel wird gerochen.

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Interpretation

Das Gedicht "Auf den Gothilas" von Friedrich von Hagedorn kritisiert einen selbsternannten Dichter und Denker namens Gothilas, der sich arrogant als Kritiker des Christentums aufspielt. Hagedorn beschreibt ihn als einen "neugedruckten Dichter" mit "starker Zeugungskraft", der jedoch nur leere Worte produziert. Gothilas glaubt, den Glauben als fehlerhaft entlarvt zu haben und stilisiert sich selbst zum "unbärt′gen Winkelrichter" des Christentums. Sein wahres Ziel ist es, den Philosophen Spinoza nachzuahmen und als "unsterblicher Deist" die "kleinen Ketzer" zu übertreffen. Hagedorn deutet an, dass Gothilas' Denken nur aus klugem Taktieren und Selbstüberschätzung besteht. Das Gedicht macht sich über Gothilas' intellektuelle Ambitionen lustig, die letztlich in einer göttlichen Strafe enden. Hagedorn schildert, wie Gothilas sein "Klügeln" als "liebsten Zeitvertreib" betreibt und lange genug "dem Himmel Hohn" gesprochen hat. Als Reaktion darauf "erzürnt der Himmel sich" und befiehlt ihm zu schreiben. Diese Wendung ist ironisch gemeint, da Gothilas sich selbst als talentierten Dichter sieht, aber vom Himmel dazu gezwungen wird, seine Unfähigkeit zu offenbaren. Die göttliche Intervention ist eine Strafe für seine Anmaßung und seinen Spott über den Glauben. Das Gedicht endet mit dem Scheitern Gothilas' und der Bestätigung des Glaubens. Hagedorn beschreibt, wie Gothilas schreibt, aber "man pfeift ihn aus", was bedeutet, dass seine Werke verrissen und ignoriert werden. Gleichzeitig "wird der Himmel gerochen", was darauf hindeutet, dass die göttliche Ordnung trotz Gothilas' Zweifeln bestehen bleibt. Hagedorn nutzt das Schicksal Gothilas', um die Überlegenheit des Glaubens und die Nutzlosigkeit von intellektuellem Hochmut zu betonen. Das Gedicht ist eine satirische Abrechnung mit aufstrebenden Aufklärern, die den christlichen Glauben infrage stellen und sich selbst überschätzen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anspielung
Dir, o Spinoza, nachzuäffen
Bildsprache
Er quälte sein Gehirn, die Werkstatt früher List
Hyperbel
Der kleinen Ketzer Schwarm dereinst zu übertreffen
Ironie
und ward des Christenthums unbärt′ger Winkelrichter
Metapher
Geist von starker Zeugungskraft
Personifikation
Der Himmel sich ... und spricht im Zorne: Schreib!