Auf dem Turm des Seraskiers

Adolf Friedrich Graf von Schack

1897

Welch Brausen um mich her? Mir ist, als wehte Ein Schöpfungsodem durch die Welt, Da unten sich die Kaiserin der Städte Im ersten Tagesstrahl erhellt.

Herein durchs Klippenthor der Symplegaden Melodisch saust der Bosporus Und giebt, aufschäumend an den Felsgestaden, Zwei Welten seinen Wogenkuß.

Die Morgenwinde jagen Segelboote Heran vom blauen Hellespont; Fern strahlt das Schneehaupt des Olymp, vom Rote Des nahen Lichtgestirns besonnt;

Und hoch und höher leuchten auf die Dome, Und weiße Minarete glühn, Friedhöfe, Brunnen, mächt′ge Hippodrome Aus dunkelndem Cypressengrün.

Doch über all der Pracht mit trübem Blicke Seh′ ich am Horizonte schon Die düstre Wetterwolke der Geschicke, Schwer von der Zukunft Schrecken, drohn;

Ja, seh′ auf hochbeschäumten Wogenpfaden Im weltverheerenden Orkan, Mit Blitzen und mit Wirbelwind beladen, Die Flotten aller Länder nahn.

Schlachtdonner und Gekrach und Flammenzischen, Wenn Tod die Feuerschlünde spein, Wird bald gen Himmel schallen, und dazwischen Von Sterbenden das Jammerschrein.

Wie bleich dort durch des Morgens Purpurdämpfe Der Halbmond über Stambul blinkt! O Zeit der Wehen und der Todeskrämpfe, Bevor er ganz hinuntersinkt!

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Illustration zu Auf dem Turm des Seraskiers

Interpretation

Das Gedicht "Auf dem Turm des Seraskiers" von Adolf Friedrich Graf von Schack beschreibt eine morgendliche Aussicht von einem hohen Turm über die Stadt Istanbul. Der Dichter schildert die Schönheit der Landschaft, mit dem Bosporus, dem Hellespont, dem Olymp und den Kuppeln und Minaretten der Stadt. Er malt ein idyllisches Bild von der Stadt, die im ersten Tageslicht erstrahlt. Doch diese Schönheit wird von einer düsteren Vorahnung überschattet. Der Dichter sieht am Horizont eine dunkle Wolke des Schicksals aufziehen, die von der Zukunft und ihrem Schrecken schwer beladen ist. Er ahnt die Ankunft von Flotten aus aller Welt, die im weltverheerenden Orkan mit Blitzen und Wirbelwinden daherkommen. Er prophezeit eine Zeit des Krieges und des Todes, mit Schlachtdonner, Flammenzischen und dem Jammerschrei der Sterbenden. Das Gedicht endet mit einem Blick auf den Halbmond, das Symbol des Osmanischen Reiches, der bleich durch den Morgennebel über Istanbul blinkt. Der Dichter bezeichnet dies als eine Zeit der Wehen und Todeskrämpfe, bevor der Halbmond ganz untergeht. Es ist ein Abschied von einer Epoche, von einer Welt, die dem Untergang geweiht ist.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Schlachtdonner und Gekrach und Flammenzischen
Bildsprache
Doch über all der Pracht mit trübem Blicke / Seh′ ich am Horizonte schon / Die düstre Wetterwolke der Geschicke
Enjambement
Welch Brausen um mich her? Mir ist, als wehte / Ein Schöpfungsodem durch die Welt
Hyperbel
Die Flotten aller Länder nahn
Kontrast
Friedhöfe, Brunnen, mächt′ge Hippodrome / Aus dunkelndem Cypressengrün
Metapher
Welch Brausen um mich her? Mir ist, als wehte / Ein Schöpfungsodem durch die Welt
Personifikation
Die Morgenwinde jagen Segelboote / Heran vom blauen Hellespont
Symbolik
Der Halbmond über Stambul
Vergleich
Mir ist, als wehte / Ein Schöpfungsodem durch die Welt