Auf dem Segeberg

Theodor Storm

1852

Hier stand auch einer Frauen Wiege, Die Wiege einer deutschen Frau; Die schaut mich an mit Augen blau, Und auf dem Felsen, drauf ich liege, Schließt sie mich plötzlich an die Brust. Da werd ich mir des Glücks bewußt; Ich seh die Welt so unvergänglich, Voll Schönheit mir zu Füßen ruhn; Und alle Sorgen, die so bänglich Mein Herz bedrängten, schweigen nun. Musik! Musik! Die Lerchen singen, Aus Wies′ und Wäldern steigt Gesang, Die Mücken in den Lüften schwingen Den süßen Sommerharfenklang. Und unten auf besonnter Flur Seh ich des Kornes Wellen treiben, In blauen Wölkchen drüber stäuben Ein keusch Geheimnis der Natur. Da tauchen an des Berges Seite Zwei Köpfchen auf aus dem Gestein; Zwei Knaben steigen durchs Gekräute; Und sie sind unser, mein und dein. Sie jauchzen auf, die Felsen klingen; Mein Bursche schlank, mein Bursche klein! Schau, wie sie purzeln, wie sie springen, Und jeder will der erste sein. In Kinderlust die Wangen glühen; Die Welt, die Welt, o wie sie lacht! Nun hängen sie an deinen Knien, Nun an den meinen unbedacht; Der Große hier, und hier der Kleine, Sie halten mich so eng umfaßt, Daß in den Thymian der Steine Mich hinzieht die geliebte Last. Die Schatten, die mein Auge trübten, Die letzten, scheucht der Kindermund; Ich seh der Heimat, der geliebten, Zukunft in dieser Augen Grund.

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Illustration zu Auf dem Segeberg

Interpretation

Das Gedicht "Auf dem Segeberg" von Theodor Storm erzählt von einem Moment tiefen Glücks und der Verbindung zur Natur und zur Familie. Der Sprecher befindet sich auf einem Felsen, wo er von einer Frau mit blauen Augen an die Brust geschlossen wird. Dieses Erlebnis lässt ihn das Glück bewusst wahrnehmen und die Schönheit der Welt in ihrer ganzen Pracht erkennen. Die Sorgen, die zuvor sein Herz bedrängten, verstummen, und er wird von der Musik der Natur umgeben, die von Lerchen, Wies' und Wäldern sowie dem Klang der Mücken erfüllt ist. Die idyllische Szenerie wird durch das Bild des Korns, das auf der Flur seine Wellen treibt, und des blauen Wölkchens, das ein keusches Geheimnis der Natur offenbart, weiter vertieft. Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, tauchen aus dem Gestein auf und bringen eine lebendige und fröhliche Dynamik in die Szene. Sie jauchzen und springen auf den Felsen, wobei jeder der Erste sein möchte. Ihre kindliche Freude und Unschuld erhellen die Welt und lassen sie lachen. Die Kinder klettern an den Knien des Sprechers empor, ohne nachzudenken, und halten ihn fest umfasst. Diese geliebte Last zieht ihn in den Thymian der Steine. Der Mund des Kindes vertreibt die letzten Schatten, die das Auge des Sprechers getrübt hatten, und er sieht die Zukunft seiner geliebten Heimat in den Augen der Kinder. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Verbundenheit mit der Natur, der Familie und der Hoffnung auf eine glückliche Zukunft.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Musik! Musik! Die Lerchen singen
Bildsprache
Das Kornes Wellen treiben, in blauen Wölkchen drüber stäuben Ein keusch Geheimnis der Natur
Enjambement
Die Wiege einer deutschen Frau; Die schaut mich an mit Augen blau
Hyperbel
Die Welt so unvergänglich
Metapher
Die Wiege einer deutschen Frau
Personifikation
Die Welt, die Welt, o wie sie lacht!
Symbolik
Die Lerchen singen, aus Wies' und Wäldern steigt Gesang
Vergleich
Wiegenlied einer deutschen Frau