Auf dem Pik von Teneriffa

Adolf Friedrich Graf von Schack

1897

Wohin, o Herz, Das fort und fort im Busen mich stachelt, In welches Wagnis mich hast du verlockt? Auf himmelnahem Gipfel, Den kaum der Gedanke erklimmt, Der einzig Atmende ich, Im unendlichen Raume verloren; Höher als ich nur der strahlende Orion, Den Schild durchs Unermeßliche streckend! Unten die Tiefe, die bodenlose, Drin Meer und Inseln begraben.

Uralte Nacht, Riesige Sphinx, die in dunkler Brust Des Daseins Rätsel du hütest, An deines Reiches Pforten Hier steh′ ich voll Grauen, Und schwindelnd, jähen Sturzes, Vom Kraterrande des Feuerberges Gleitet der Geist mir hinab In die unterirdischen Hallen, Wo deine Kinder, die finsteren Erdgewalten, Wie schlummernde Riesen Auf ihren Lagern ruhn.

So durch des Menschen Seele Führen tiefe Schachte, Düstere, vielgewundne, Hinab in Finsternis, Und oft, hinunterstarrend, In sich selbst zu versinken zagt sie. Furchtbare Mächte Schlummern in ihrer Tiefe; Weh, wenn die entsetzlichen, Vom Unheil geweckt, Die schlaftrunknen Häupter schütteln! Wie die Titanen dort unten, Des schwarzen Kerkers Pforten sprengend, Ihr Fest der Zerstörung feiern, Gewitternd so aus der Seele Abgrund Steigen die grausen Dämonen Verzweiflung, Wahnsinn, Mit Wirbelrauch Ihr todgeweihtes Opfer umhüllend.

Aber was zuckt durch das Dunkel? Dämmernd am Himmelsrande Glimmt es empor, Ein Flammenglanz umspielt den Gipfel, Wo gleich Adlern in Lüften ich schwebe; Wie glühende Tropfen Sinken die Sterne In die Wirbel des steigenden Tages; Unten in schwindelnder Tiefe Leuchtet und blitzt mit den duftenden Inseln Der unermeßliche Ocean, Und allein, allein, Wie in der Seele ein großer Gedanke, Schreitet der Lichtgeist Ueber den Weltrand.

Heil, Glorreich-Herrlicher! Durch alle Räume Bis in des Dunkels tiefste Falten, Der Seele verborgensten Abgrund Laß deine Feuerströme fluten, Daß die finsteren Mächte Vor der Glanzfülle vergehn Und die Welt dem erlösenden Strahl In ewigem Hymnus erklinge.

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Illustration zu Auf dem Pik von Teneriffa

Interpretation

Das Gedicht "Auf dem Pik von Teneriffa" von Adolf Friedrich Graf von Schack beschreibt eine Reise in die Tiefen der menschlichen Seele und des Daseins. Der Sprecher steht auf dem Gipfel des Feuerberges, fühlt sich allein und verloren in der unendlichen Weite des Raumes. Unten erstreckt sich die bodenlose Tiefe, in der Meer und Inseln begraben liegen. Die uralte Nacht und die riesige Sphinx bewachen das Rätsel des Daseins, und der Sprecher steht voller Grauen an den Pforten dieses Reiches. Der zweite Teil des Gedichts taucht in die dunklen Abgründe der menschlichen Seele ein. Tiefe Schächte führen hinab in die Finsternis, wo furchtbare Mächte schlummern. Der Sprecher warnt davor, dass diese entsetzlichen Kräfte, wenn sie vom Unheil geweckt werden, wie die Titanen ihr Fest der Zerstörung feiern können. Verzweiflung und Wahnsinn steigen als grausame Dämonen aus dem Seelenabgrund und umhüllen ihr todgeweihtes Opfer mit Wirbelrauch. Im letzten Teil des Gedichts bricht das Licht durch die Dunkelheit. Ein Flammenglanz umspielt den Gipfel, und die Sterne sinken in die Wirbel des steigenden Tages. Unten leuchtet und blitzt der unermeßliche Ocean mit den duftenden Inseln. Der Lichtgeist schreitet allein über den Weltrand, wie ein großer Gedanke in der Seele. Der Sprecher ruft den Glorreich-Herrlichen an, seine Feuerströme durch alle Räume fluten zu lassen, bis in die tiefsten Falten des Dunkels und die verborgensten Abgründe der Seele. Mögen die finsteren Mächte vor der Glanzfülle vergehen und die Welt dem erlösenden Strahl in ewigem Hymnus erklingen.

Schlüsselwörter

tiefe seele unten fort gipfel gedanke unermeßliche inseln

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
[Tiefe, die bodenlose Wie schlummernde Riesen Auf ihren Lagern ruhn Düstere, vielgewundne Wie die Titanen dort unten, Des schwarzen Kerkers Pforten sprengend Steigen die grausen Dämonen Verzweiflung, Wahnsinn]
Anapher
[Wie die Titanen dort unten, Des schwarzen Kerkers Pforten sprengend, Ihr Fest der Zerstörung feiern, Gewitternd so aus der Seele Abgrund Steigen die grausen Dämonen Verzweiflung, Wahnsinn]
Bildsprache
[Auf himmelnahem Gipfel, Den kaum der Gedanke erklimmt Unten die Tiefe, die bodenlose, Drin Meer und Inseln begraben Wo deine Kinder, die finsteren Erdgewalten, Wie schlummernde Riesen Auf ihren Lagern ruhn Wie die Titanen dort unten, Des schwarzen Kerkers Pforten sprengend, Ihr Fest der Zerstörung feiern]
Hyperbel
[Wohin, o Herz, Das fort und fort im Busen mich stachelt Auf himmelnahem Gipfel, Den kaum der Gedanke erklimmt]
Kontrast
[Höher als ich nur der strahlende Orion Unten die Tiefe, die bodenlose Düstere, vielgewundne, Hinab in Finsternis Wie die Titanen dort unten, Des schwarzen Kerkers Pforten sprengend Wie glühende Tropfen Sinken die Sterne In die Wirbel des steigenden Tages]
Metapher
[Wohin, o Herz, Das fort und fort im Busen mich stachelt Uralte Nacht, Riesige Sphinx, die in dunkler Brust Des Daseins Rätsel du hütest Führen tiefe Schachte, Düstere, vielgewundne, Hinab in Finsternis Steigen die grausen Dämonen Verzweiflung, Wahnsinn]
Personifikation
[Der strahlende Orion, Den Schild durchs Unermeßliche streckend Wo deine Kinder, die finsteren Erdgewalten, Wie schlummernde Riesen Auf ihren Lagern ruhn Des schwarzen Kerkers Pforten sprengend Steigen die grausen Dämonen Verzweiflung, Wahnsinn]
Symbolik
[Adler Licht Dunkelheit Tiefen Gipfel]