Auf dem Meer

Friedrich Hebbel

1859

(Bei einer Überfahrt nach Kopenhagen im Feuerjahr 1842.)

Allheilig Meer! Es donnern deine Klänge Mir so gewaltig ins erschreckte Ohr, Als brächen die verhaltnen Fluchgesänge Begrabener Titanen draus hervor.

Sie stürzten sich hinab in deine Wogen, Sie wollten sterben; aber um den Tod Hat eine falsche Tiefe sie betrogen, Sie tragen noch des Lebens öde Not.

Sie wissen′s jetzt: man kann nicht einzeln sterben; Solange noch ein Zwerg auf Erden lebt, Wird sich kein Gott den ganzen Tod erwerben, Ob er im Meer, im Ätna sich begräbt.

Sie sehen jetzt die blöden Menschen kauern Um ihres großen Daseins Aschenrest; Da grollen sie: soll das denn ewig dauern? Wie lange hält der Wurm die Wärme fest!

Uns kreiste doch das Ganze in den Adern, Das jetzt zu Tropfen tausendfach zerrann; Wir mußten dennoch mit den Göttern hadern, Jetzt haben Legionen g′nug daran!

So grollen sie im Ätna und im Grunde Des Meers, und nicken langsam wieder ein; Doch nach Jahrhunderten ruft eine Stunde Sie abermals zurück ins öde Sein.

Dann wähnen sie: nun ist die Welt am Ende, Und dies Erwachen ist das letzte Weh! Dann wirft der eine seine Feuerbrände, Dann rast der andre in dem Schoß der See.

Ich ahnt′ es längst! Die grollenden Titanen Sind aus dem Schlummer wieder aufgestört, Und haben, an die alte Nacht zu mahnen, Jedwedes Element der Welt empört.

War′s Empedokles, der sie Stadt der Elbe Mit seiner Ätnafackel angesteckt? Und ist′s ein andrer, oder ist′s derselbe, Der zürnend jetzt den alten Meergeist weckt?

Wohlauf! Zurückgeschlagen sind die Flammen! Schwellt denn in eins, ihr Meere, fern und nah, Knüpft Wogentanz und Sternentanz zusammen, Wie Äschylos es im Prometheus sah!

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Illustration zu Auf dem Meer

Interpretation

Das Gedicht "Auf dem Meer" von Friedrich Hebbel beschreibt die Erfahrung einer Seereise im Jahr 1842, die durch ein Feuer erschüttert wird. Der Sprecher empfindet die Klänge des Meeres als gewaltig und vergleicht sie mit den Fluchgesängen begrabener Titanen, die sich in die Tiefe gestürzt haben, um zu sterben, aber von einer falschen Tiefe betrogen wurden. Die Titanen erkennen, dass man nicht einzeln sterben kann und dass ihr Dasein solange weitergeht, wie ein Zwerg auf Erden lebt. Sie sehen die Menschen um ihr großes Dasein trauern und fragen sich, wie lange das noch dauern soll. Der Sprecher ahnt, dass die grollenden Titanen aus ihrem Schlummer erwacht sind und jedes Element der Welt empört haben. Er fragt sich, ob Empedokles die Stadt der Elbe mit seiner Ätnafackel in Brand gesetzt hat und ob derselbe oder ein anderer die alten Meergeister weckt. Trotz der zurückgeschlagenen Flammen ruft der Sprecher die Meere auf, sich zu vereinen und einen Wogentanz und Sternentanz zu tanzen, wie es in Aischylos' Prometheus beschrieben wird.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Auf dem Meer

Stilmittel

Alliteration
So grollen sie im Ätna und im Grunde
Anspielung
Prometheus
Bildsprache
Sie sehen jetzt die blöden Menschen kauern
Hyperbel
Solange noch ein Zwerg auf Erden lebt
Imperativ
Wohlauf! Zurückgeschlagen sind die Flammen!
Metapher
Jedwedes Element der Welt empört
Personifikation
Sie stürzten sich hinab in deine Wogen
Rhetorische Frage
War′s Empedokles, der sie Stadt der Elbe