Auf dem Mattäikirchhof

Theodor Fontane

1851

Alltags mit den Offiziellen Weiß ich mich immer gut zu stellen, Aber feiertags was Fremdes sie haben, Besonders, wenn sie wen begraben, Dann treten sie (drüber ist kaum zu streiten) Mit einem Mal in die Feierlichkeiten.

Man ist nicht Null, nicht geradezu Luft, Aber es gähnt doch eine Kluft, Und das ist die Kunst, die Meisterschaft eben, Dieser Kluft das rechte Maß zu geben. Nicht zu breit und nicht zu schmal, Sich flüchtig begegnen, ein-, zwei-, dreimal, Und verbietet sich solch Vorüberschieben, Dann ist der Gesprächsgang vorgeschrieben: »Anheimelnder Kirchhof … beinah ein Garten … Der Prediger läßt heute lange warten …« Oder: »Der Tote, hat er Erben? Es ist erstaunlich, wie viele jetzt sterben.«

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Illustration zu Auf dem Mattäikirchhof

Interpretation

Das Gedicht "Auf dem Mattäikirchhof" von Theodor Fontane beschäftigt sich mit den sozialen Unterschieden und der Kunst des Umgangs mit diesen in der Gesellschaft. Der Erzähler, der sich als "Alltagsmensch" versteht, kennt sich gut darin aus, sich gegenüber den "Offiziellen" zu behaupten. Doch an Feiertagen, besonders bei Beerdigungen, zeigen diese eine andere, formellere Seite, die den Erzähler in eine gewisse Distanz rückt. Die Kluft zwischen den sozialen Schichten wird als eine Kunstform beschrieben, die es zu meistern gilt. Der Erzähler betont die Wichtigkeit, das richtige Maß in der Distanz zu finden – weder zu groß noch zu klein. Die Begegnungen sollen flüchtig sein, aber dennoch höflich und formvollendet. Sollte dieses Maß verfehlt werden, führt dies zu einem vorgeschriebenen Gesprächsverlauf, der von belanglosen Themen wie dem Kirchhof oder dem Prediger geprägt ist. Das Gedicht endet mit zwei möglichen Gesprächsbeispielen, die die Oberflächlichkeit und die Notwendigkeit des Small Talks in solchen Situationen verdeutlichen. Der Erzähler kritisiert die fehlende Tiefe in diesen Interaktionen und die Art, wie der Tod als Gesprächsthema genutzt wird, um die soziale Distanz zu wahren. Die Kunst besteht darin, diese Kluft zu navigieren, ohne dabei die eigene Identität zu verlieren.

Schlüsselwörter

kluft alltags offiziellen weiß gut stellen feiertags fremdes

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Man ist nicht Null, nicht geradezu Luft, Aber es gähnt doch eine Kluft, Und das ist die Kunst, die Meisterschaft eben, Dieser Kluft das rechte Maß zu geben.
Enjambement
Alltags mit den Offiziellen Weiß ich mich immer gut zu stellen, Aber feiertags was Fremdes sie haben, Besonders, wenn sie wen begraben, Dann treten sie (drüber ist kaum zu streiten) Mit einem Mal in die Feierlichkeiten.
Ironie
»Anheimelnder Kirchhof ... beinah ein Garten ... Der Prediger läßt heute lange warten ...« Oder: »Der Tote, hat er Erben? Es ist erstaunlich, wie viele jetzt sterben.«
Metapher
Man ist nicht Null, nicht geradezu Luft