Auf das Nibelungenlied
1813Taubstumm scheinst du mir zwar, du redest öfter durch Zeichen Oder Gebärden, als durch unser geschmeidiges Wort, Ja, du bedienst dich auch dann noch des schlichtesten, das du nur findest, Aber ich nenne dich doch unser unsterblichstes Lied. Kommen werden die Zeiten, wo Asiens grimmige Horden Uns aufs neue den Kampf bieten am goldenen Horn, Und, wie die Väter gesiegt, so können die Enkel erliegen, Denen der gläubige Mut fehlt, wie das riesige Mark. Dann ergießt sich der Schwarm, geführt von Attilas Schatten, Über den Stolz der Kultur ohne Erbarmen daher, Bilder werden zerfetzt, und Statuen werden zerbrochen, Bücher in Bänden verbrannt oder von Pferden zerstampft. Selbst die Sprachen zerschellen und schmelzen am Ende zusammen, Aber, wenn diese geschieht, ist auch die Brücke gebaut, Die den ersten Mongolen verlockt, sich hinüber zu wagen In die verschüttete Welt, welche noch stammelt für ihn. Trifft er unter den Trümmern den Faust dann oder den Tasso, Wirft er sie lachend zurück in das durchstöberte Grab, Denn was hätt′ ihm der Doktor im schwarzen Talare zu sagen, Oder der weiche Poet, welcher den Kränzen erliegt? Aber die Helden Burgunds versteht er, den grimmigen Hagen Und das rächende Weib, wenn auch das liebende nicht, Und so schlagen die Recken, die unsre ältesten Schlachten Durchgefochten, dereinst auch noch die jüngste für uns.
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Interpretation
Das Gedicht "Auf das Nibelungenlied" von Friedrich Hebbel ist eine Hommage an das mittelalterliche Epos und seine zeitlose Bedeutung. Hebbel vergleicht das Nibelungenlied mit einem taubstummen Menschen, der zwar nicht in Worten, sondern durch Zeichen und Gesten kommuniziert, aber dennoch als "unsterblichstes Lied" bezeichnet wird. Dies deutet darauf hin, dass das Epos eine universelle, über die Sprache hinausgehende Wirkung entfaltet. Das Gedicht zeichnet ein düsteres Zukunftsszenario, in dem asiatische Horden Europa erneut angreifen und dabei Kultur und Zivilisation zerstören. In dieser apokalyptischen Vision werden Bücher verbrannt, Statuen zerbrochen und Sprachen zerstört. Doch selbst in dieser dunklen Zeit überdauert das Nibelungenlied als Brücke zwischen den Kulturen. Es wird zum Schlüssel für die Eroberer, um die verschüttete europäische Welt zu verstehen. Hebbel betont die zeitlose Relevanz des Nibelungenlieds, indem er seine Helden Hagen und Kriemhild als universell verständliche Figuren darstellt. Während westliche Kulturikonen wie Faust oder Tasso für die Eroberer bedeutungslos bleiben, berühren die Figuren des Nibelungenlieds auch die "jüngste Schlacht" und kämpfen stellvertretend für die europäische Kultur. Das Gedicht verleiht dem Epos somit eine mythische, schicksalhafte Bedeutung und positioniert es als kulturelles Erbe, das selbst in Zeiten der Zerstörung überdauert und die Identität Europas bewahrt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Bilder werden zerfetzt, und Statuen werden zerbrochen
- Hyperbel
- unser unsterblichstes Lied
- Ironie
- Trifft er unter den Trümmern den Faust dann oder den Tasso
- Kontrast
- grümmigen Hagen und das rächende Weib
- Metapher
- jüngste für uns
- Personifikation
- Attilas Schatten
- Vergleich
- wie die Väter gesiegt, so können die Enkel erliegen
- Vorahnung
- Kommen werden die Zeiten, wo Asiens grimmige Horden