Auf das Albinische und Kamperische hochzeit-fest
1695Ist lieben seuche/ pest und gifft/ Das nattern tödten kan/ und scorpion entgeistert? Das gelbe molchen übertrifft? Ist lieben raserey/ die die vernunfft bemeistert? Ein nagend krebs/ der marck und bein frist aus? Ein wurm/ der aus den stauden edler jugend Nicht nur den kern/ die wurtzel reißt der tugend? Ein feuer/ das in asche/ staub und grauß Volckreiche städte leg′t/ und länder stürtzt in grund/ Daß itzo wilde buchen stehen/ Und seegel-volle maste gehen/ Wo weiland Troja war/ und vormahls Tyrus stund? So ists! diß würckt der liebe brand. Durch sie flog Sodoma geschwefelt in die lüffte. Und Loth/ der dort entronnen/ fand Auff seiner tochter schoß mehr als Gomorrens klüffte. Ja Samson muß/ den Rom doch und Athen Im Hercules zu einem Gotte machte/ Als Omphale ihn in ihr netze brachte/ Durch Delilen verächtlich untergehn. Als Gottes hertzens-mann kaum Batseben ersieh′t/ Und er auch aus der flut entglimmet/ Wird Davids harffe so verstimmet/ Daß sie für psalmen spielt ein geiles buhler-lied. Wer macht ihm nun nicht selbst den schluß? Daß wer den keuschen geist Gott rein und keusch will ehren/ Der liebe götzen abthun muß/ Und in der andachts-glut diß göldne kalb zerstören. Der weyrauch/ der in Venus tempel brennt/ Reucht Gott nicht wohl/ die engel/ die uns dienen/ Entfernen sich/ wie für dem rauche bienen. Die opffer/ die auch Paphos heilig nennt/ Sind zu Jerusalem ein stinckend Gottesdienst. In die mit brunst sich unterstehen In Gottes heiligthum zu gehen/ Bekommen fluch zu lohn/ und straffe zu gewinst. Wie ist denn er/ vertrauter freund/ Der Gotte dienen muß und beym altare wachen/ Nicht auch der süssen liebe feind? Schickt sichs/ ein priester seyn/ und gleichwohl hochzeit machen? Ja ja! gar wohl! was Gottes liebes kind/ Was die natur den seelen eingesämet/ Steh′t auch für Gott in tempeln unbeschämet. Es schickt sich wohl daß priester väter sind/ Die lieb in keuscher eh′ entweyht kein opffer nicht. Das heiligthum wird nur beflecket/ Wenn geile brunst im hertzen stecket/ Die Gottes ordnung stör′t/ und eh′ und eydschwur bricht. Der schnöde mißbrauch böser brunst Ist unwerth/ daß er soll der liebe nahmen führen. Der lufft-gestirne falscher dunst Macht nicht/ daß stern und sonn′ ihr wahres licht verliehren. Wenn jene fall′n zeräschert in den grund/ So gläntzen die ins himmels güldnen zimmern. Denn schwefel kan nicht wie die sternen schimmern. Verkehret doch der schlangen geifer-mund In wermuth-bittres gifft gesunder kräuter safft/ Woraus die bienen honig saugen: So kehrt der liebe tauben-augen Der boßheit zauber-kunst in basilisken-krafft. Der edlen rose perlen-haupt Wird/ ob die röthe sich schon ihrem schnee vermählet/ Der reinen zierde nicht beraubt. Die jungferschafft hat sie für ihren krantz erwehlet/ Bepurpert sie gleich Cythereens blut. Der keuschheit bild/ die lilje selbst/ empfindet Den süssen trieb/ der alle seelen bindet/ Den anmuths-reitz/ des liebens reine glut. Und welche blume gläntzt/ die dieser geist nicht rühr? Der thau zeigt ihre liebes-thränen/ Und ihr geruch das süsse sehnen/ Die röthe bildet gar verliebte flammen für. So bleibet Abraham doch rein Und Gottes bunds-genoß auch in der Sara bette. Die kirche würde selbst nicht seyn/ Wenn sie die liebe nicht zu ihrer mutter hätte. Die pflantzen die aus ihrem garten blühn/ Die müssen kirch und paradieß erfüllen. Aus liebe ließ sich Gott ins fleisch verhüllen/ Ja sie vermählt die gläubigen und ihn. Wo reine liebe glimmt/ zeucht Gottes Geist selbst ein. Des Heylands grosse wunderwercke Entwerffen selbst des liebens stärcke: Indem zu Cana quillt aus wasser-krügen wein. Heist diß nun Gottes weinberg bau′n/ Wenn ein paar seelen sich in reiner ehe lieben/ Aus der sie stauden wachsen schau′n/ Die durch den glauben schon im himmel sind beklieben/ Wenn sie gleich noch der mutter schooß umfaßt: So kan auch ihm nicht Gottes segen fehlen/ Nun er ihm eine seele will erwehlen/ Die tugend liebt/ und schnöde laster hasst. Wo doppel-andacht mehr als einfach opffer kan/ Muß man von euch verlobten schlüssen: Eur seuffzen wird mehr würcken müssen/ Nun nebst der priesterin der priester Gott rufft an. Der himmel weist sich selbst geneigt/ Und regnet freud und lust auff die verknüpfften hertzen. Denn wo sich Gottes anblick zeig′t/ Bekräntzet eitel heil die frohen hochzeit-kertzen. Und seegen folgt den reiffen jahren nach. Mich dünckt/ ich sehe schon in einer wiegen Die frucht der eh′ und Gottes gabe liegen; Hingegen fleucht verdrüßlich ungemach. Und wo hierinnen nicht mein festes urtheil fehlt/ Hat/ ob wohl ehen hie auff erden Vollzogen/ dort geschlossen werden/ Auch Martha dieses mahl das beste theil erwehlt.
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Interpretation
Das Gedicht "Auf das Albinische und Kamperische hochzeit-fest" von Daniel Caspar von Lohenstein ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der Natur der Liebe und ihrer Beziehung zu Gott und der Keuschheit. Lohenstein beginnt mit einer Reihe von Fragen, die die Liebe als eine Art Seuche oder Gift darstellen, das tötet und zerstört. Er vergleicht die Liebe mit einer Raserei, die die Vernunft überwältigt, und mit einem zerstörerischen Feuer, das Städte und Länder in Asche legt. In den folgenden Strophen zieht Lohenstein historische und biblische Beispiele heran, um die zerstörerische Kraft der Liebe zu illustrieren. Er erwähnt Sodom und Gomorrha, Samson und Delila, David und Batseba, um zu zeigen, wie die Liebe zu Sünde und Verderben führen kann. Doch dann wendet sich Lohenstein und argumentiert, dass die Liebe selbst nicht das Problem ist, sondern der Missbrauch der Liebe durch lüsterne Begierde. Lohenstein behauptet, dass die wahre Liebe, die in keuscher Ehe entfaltet wird, von Gott gefeiert und gesegnet wird. Er verweist auf Abraham und Sara, die Kirche als Braut Christi und die Hochzeit zu Kana, um zu zeigen, dass die Liebe in der Ehe ein Abbild der Liebe Gottes ist. Er schließt mit der Überzeugung, dass die Verbindung von zwei Seelen in heiliger Ehe ein höheres Opfer darstellt als jedes andere, und dass der Himmel selbst sich den verliebten Herzen zuwendet und sie segnet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Und wo hierinnen nicht mein festes urtheil fehlt/ Hat/ ob wohl ehen hie auff erden Vollzogen/ dort geschlossen werden/ Auch Martha dieses mahl das beste theil erwehlt.
- Personifikation
- Das gelbe molchen übertrifft?