Auch ein Trinklied
1857Nun noch einmal, wackre Zecher, füllet einmal noch die Becher, füllt sie schäumend bis zum Rand: Dieser letzte Becher allen, die als Opfer sind gefallen für das heißgeliebte Vaterland!
Selig, die den Tod gefunden unter Leichen, unter Wunden auf dem offnen Siegesplan! Diese wohl sind zu beneiden, denn sie durften hoffend scheiden, eh′ die Schmach sie unsrer Tage sahn.
Doch mit schwerverhaltner Träne wir gedenken auch an jene, die der Kerker uns entrafft; die wie Blumen tun im Sande, welkten in dem Druck der Bande, in dem Elend der Gefangenschaft!
Oder die in öder Ferne, unter fremdem, kaltem Sterne, einsam starben und verbannt! Die in Sehnsucht sich verzehrten, die den letzten Blick noch kehrten nach dem teuren, undankbaren Land! -
Schweb, o schweb mit leisen Flügeln, schweb, o Lied, zu allen Hügeln, wo der Teuren Asche ruht: Sie auch sind für uns gestorben, sie auch haben mitgeworben für des Lebens allerhöchstes Gut.
Sag, daß, wie in ihren Tagen, auch noch jetzt die Herzen schlagen für die Freiheit stolz und heiß; sag, daß, ähnlich ihrer Tugend, auch noch heute Deutschlands Jugend für das Vaterland zu sterben weiß! -
Horch, welch Brausen in den Lüften! Aus den Gräbern, aus den Grüften Flammen schlagen hell hervor: Kampfplatz ist die Welt geworden, Schrecken faßt die feilen Horden, und der Freiheit Sonne schwebt empor!
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Auch ein Trinklied" von Robert Eduard Prutz ist ein patriotisches und feierliches Werk, das die Opferbereitschaft für das Vaterland thematisiert. Es beginnt mit einem Aufruf an die Trinkenden, ihre Becher zu füllen, um der Gefallenen zu gedenken, die für das geliebte Vaterland ihr Leben gelassen haben. Der Ton ist dabei sowohl feierlich als auch traurig, da er die Schwere des Verlustes anerkennt. Im zweiten Teil des Gedichts werden diejenigen, die auf dem Schlachtfeld gestorben sind, als "selig" bezeichnet, da sie dem Schmerz und der Schmach entgangen sind, die die Überlebenden erleben mussten. Es wird auch der Gefangenen und Verbannten gedacht, die in Elend und Einsamkeit ihr Leben verloren haben. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Trauer um diese Opfer, die fern von ihrer Heimat gestorben sind. Der letzte Teil des Gedichts richtet sich an die Jugend Deutschlands, die aufgerufen wird, den Mut und die Tugenden der Gefallenen fortzusetzen. Es wird eine hoffnungsvolle und kämpferische Stimmung erzeugt, die den Glauben an die Freiheit und die Bereitschaft zum Opfer für das Vaterland betont. Das Gedicht endet mit einem Bild von Flammen, die aus den Gräbern steigen, und der aufgehenden Sonne der Freiheit, was einen Neuanfang und die Unsterblichkeit der Ideale symbolisiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Flammen schlagen hell hervor
- Anapher
- Nun noch einmal, wackre Zecher, füllet einmal noch die Becher, füllt sie schäumend bis zum Rand
- Bildsprache
- Schrecken faßt die feilen Horden
- Hyperbel
- für des Lebens allerhöchstes Gut
- Metapher
- Kampfplatz ist die Welt geworden
- Personifikation
- und der Freiheit Sonne schwebt empor