Attentat in der Rue – –
unknownIch kann nicht immer vor der Scheibe stehn. Meine Haare wachsen auf einmal weich aus dem Kinn. Ich habe Menschengesichter nie angesehn. Mein Anzug wird so weit. Ich versinke drin. Die Pflasterkugeln sind heiß, der Stein rutscht unter mir weg. Ich bin ja ganz klein. Wer sieht mich? Wer weiß von mir? Mauern wölben sich auf die Augen wie hohle Hände voll Dreck. Gelb kreisen Lichtersäulen. Fernher droht Stank von Bier. Bärte zittern spitz. Ein Kneifer fällt, sicher klirrt′s auf dem Tische. Hab ich mich neulich mit dieser grünen Hure gerollt? Über schwarze Bäuche streichen Daumen dick und still wie weiße Fische. Träge Zähne schnappen im Rauch. Da schweben unerschwingliche Plomben von Gold. Es riecht nach Zwiebeln. Ich habe in allen Weibern gesteckt. Wo ist die Straße hin? Ich stehe im dunklen Gang. Ein schwarzes Loch weicht auf. Das Licht drüben ist dünn und verfleckt. Mir ist kalt. Die Scheibe ist hoch und dick. Alles dauert so lang. Ein heller Glaskreis spritzt Licht, rund um mich sind glänzende Scheiben. Unter den Tischen drängen Schuhe und Röcke und verfließen am Rand. Alle Leute sind klein wie ich. Ich strecke mich hoch. Wo soll ich bleiben? Wo sind meine Füße? Die Menschen sind ruhig. Finde ich meine Hand? Die Wimpern werfen mir trübe Netze über den Blick. Goldene Nägel flitzen hin und her durch die Nacht. Die Menschen im Café sitzen faul und dick. Es ist heiß. Mein Herz platzt. Mein Schuh kracht. Ich stehe fest. Hinter dieser Scheibe kann ich sie wie im Regen sehn. Ich atme aufs Glas. Meine Hände sind fort. Räder fahren vorbei. Aus der Eisenbahn sah ich am Wege Windmühlenflügel drehn. Jetzt fliegt die Bombe. Schnell. Es ist noch still. Kein Schrei.
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Interpretation
Das Gedicht "Attentat in der Rue – –" von Ludwig Rubiner beschreibt eine surreale und desorientierte Szene, in der der Erzähler sich in einer fremden und bedrohlichen Umgebung wiederfindet. Die Atmosphäre ist von Verwirrung und Angst geprägt, während der Erzähler durch eine Straße navigiert, die von unheimlichen und grotesken Elementen durchdrungen ist. Die Bilder von heißen Pflasterkugeln, zitternden Bärten und dem Geruch von Zwiebeln tragen zu einer beklemmenden Stimmung bei, die den Leser in eine Welt des Wahnsinns und der Unsicherheit eintauchen lässt. Die Perspektive des Erzählers ist geprägt von einem Gefühl der Kleinheit und Unsichtbarkeit, während er sich in einer überwältigenden Umgebung verloren fühlt. Die Beschreibung von Mauern, die sich wie hohle Hände voll Dreck über die Augen wölben, verstärkt das Gefühl der Eingeschlossenheit und des Erstickens. Die Erwähnung von einem Attentat am Ende des Gedichts deutet auf eine plötzliche und gewaltsame Wendung hin, die die chaotische und bedrohliche Atmosphäre des Gedichts unterstreicht. Die Verwendung von Bildern wie glänzenden Scheiben, Schuhen und Röcken, die am Rand verfließen, und goldenen Nägeln, die durch die Nacht flitzen, schafft eine traumähnliche und surreale Atmosphäre. Die Beschreibung der Menschen im Café als faul und dick, während der Erzähler selbst von innerer Unruhe und äußerer Bedrohung geplagt wird, verstärkt das Gefühl der Entfremdung und des Wahnsinns. Das Gedicht endet mit der plötzlichen Explosion einer Bombe, die die chaotische und bedrohliche Stimmung des Gedichts in einem dramatischen Höhepunkt kulminieren lässt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Die Wimpern werfen mir trübe Netze über den Blick
- Personifikation
- Es ist heiß. Mein Herz platzt. Mein Schuh kracht
- Vergleich
- Ich kann sie wie im Regen sehn