Aschermittwoch
1905Nun fällt der tollen Narrenwelt das bunte Kleid in Lumpen, - und klirrend auf den Estrich schellt der Freude voller Humpen. Lautkrachend springt ins Schloß das Tor, kein Lichtschein mehr am Fenster - ein grauer Morgen kriecht empor, der Morgen der Gespenster.
Da ist im tiefen Straßenstaub ein stolzes Weib gestanden - von ihrem Odem rauscht das Laub, des Meeres Wogen branden. Sie reckt sich in die Frühlingspracht mit herrischer Gebärde: mein ist, was blüht und weint und lacht - mein ist die ganze Erde!
Was bimmelt ihr vom Kirchenturm und predigt Reu und Buße? Ihr seid das Sandkorn vor dem Sturm, der Staub mir unterm Fuße. Was schiert mich eurer Sünde Scham und eurer Hölle Flammen? Ich blas den ganzen Maskenkram mit einem Hauch zusammen.
Mir gilt die Dirne unterm Tor, das Hündlein in der Gossen mehr als der schönste Damenflor in euren Staatskarossen. Und Blumen und Konfettischlacht? Wie jäh verstummt die Harfe, versprüht der Witz, verblaßt die Pracht, löst meine Hand die Larve.
Mir gilt des Bettlers hohle Hand und gramzerfressne Miene mehr als der Fürstenhöfe Tand und blutige Hermeline. - Und tobt im Ost der Schwertertanz, und saust das Blei, das rasche - auf aller Kronen Faschingsglanz streu ich die Handvoll Asche!
Ob Kirchen- oder Festungssturm, sie wanken beid auf Erden und werden einst vom Wirbelsturm zu Staub zerblasen werden. Und reißt der letzten Narretei der bunte Rock in Fetzen, dann soll die Menschheit, nackt und frei, sich an die Tafel setzen.
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Interpretation
Das Gedicht "Aschermittwoch" von Clara Müller-Jahnke beschreibt den Übergang vom ausgelassenen Karneval zur ernsten Fastenzeit. Es schildert das Ende der närrischen Welt, die in Lumpen fällt, und den Einbruch eines grauen Morgens, der den Beginn der Fastenzeit symbolisiert. Die Protagonistin, eine stolze Frau, tritt in den Vordergrund und beansprucht die Herrschaft über die Erde, während sie die religiösen Mahnungen und die Sünde als bedeutungslos abtut. Die Frau im Gedicht zeigt eine Vorliebe für das einfache Volk und die kleinen Freuden des Lebens, wie die Dirne unterm Tor und das Hündlein in der Gosse. Sie verachtet den Prunk und die Pracht der Oberschicht und betont die Bedeutungslosigkeit von Reichtum und Macht. Die Protagonistin setzt sich für die Gleichheit aller Menschen ein und fordert eine Welt, in der sich die Menschheit nackt und frei an einen Tisch setzen kann. Das Gedicht kritisiert die Vergänglichkeit von Macht und Reichtum und stellt die Frage nach dem Sinn des Lebens. Es fordert eine neue Weltordnung, in der alle Menschen gleich sind und die Unterschiede zwischen Arm und Reich überwunden werden. Die Protagonistin verkörpert den Geist der Erneuerung und des Wandels, der den Karneval beendet und die Fastenzeit einläutet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Nun fällt der tollen Narrenwelt
- Bildsprache
- des Meeres Wogen branden
- Enjambement
- Da ist im tiefen Straßenstaub ein stolzes Weib gestanden - von ihrem Odem rauscht das Laub
- Hyperbel
- mein ist die ganze Erde
- Ironie
- Was bimmelt ihr vom Kirchenturm und predigt Reu und Buße?
- Kontrast
- Mir gilt die Dirne unterm Tor, das Hündlein in der Gossen mehr als der schönste Damenflor in euren Staatskarossen
- Metapher
- das bunte Kleid in Lumpen
- Personifikation
- der Morgen der Gespenster
- Symbolik
- die Handvoll Asche
- Vergleich
- Ihr seid das Sandkorn vor dem Sturm