Arnold Böcklin

Peter Hille

1897

Zum 75. Geburtstag des toten Meisters, am 16. Oktober

Er ging dahin wo seine Werke wohnen. - Mit angetürmtem Nacken ihm zur Seiten trabt der Eroberer. Aus tiefem Sande grinsen fremde Zeichen: Gebeine sind es, die so leuchtend bleichen. Vor rohen Hufen knirscht die heiße Wüste; Grün steigt ein Hügel auf und ruht In Blumenkühle aus vom heißen Gleißen. In träger Schräge ruht ein alter Faun Und glotzt in Weiten, die wie bald verloren ihm, Mit schwerem Auge, fremdbekümmert. Ein Fäunlein, goldnes Stroh im roten Nacken, Reckt tief zum Quell die drallen Bäcklein nieder.

Genug gesehn! Ich will mir selber lauschen; Da kommt ein Wald, der soll mir rauschen! Wie klopft des Mittags Angst! - Gescheckt, erschreckt Die starren, steilen Stämme. Hoch und tückisch, Das seltsam bösgedrehte Horn voraus: Das Einhorn… Sinnig-wild Aufblickt des Märchens üppig-fremdes Auge. -

Da von der Rechten schwellend atmet′s Raum, Hebt grüne Wipfel hoch noch über die blauen Und bietet Erde, bietet Himmel, Sträuße, Schaum Und schlägt lustkreisend einen Purzelbaum: Und blickt wie Angst, wie Trauer der Unendlichkeit, Wie Irrsinn, wie wehlachend Spotten: Das wilde Element! - Und Abend wird′s; das Meer ging ferne schlafen. Ein braunes Glöckelhäuslein. Da steht, geneigt Das weiße, stille Haupt, der braune Mönch und Geigt und streut wie Blumen nieder Zu Füßen der Maria späte Glut. - Auf Zehen, seine Wangen voll und fromm, Ein Büblein lugt; leis zittert seiner Schwinge blaugrüner Reif…

Er ging dahin, wo seine Werke wohnen; Sie leuchten heißer auf in ihrer Seele Saft, Die Urgeburten dieses großen Lebens! Ein frohes Tosen wiehert der Stromsturz Nieder; die Wälder öffnen atmend Befreite Brust.

Die großen stummen Seelen bitten Der ungeheuren Dinge und der wilden Welt: “Du bist nun da; so löse uns die Lippen; Du weißt uns alle träumen unser Brausen! Des Lebens Wein in heitrer Andacht trinkst Du prüfend und bei hohem Lächeln neigt Sich leicht dein Manneshaupt, da dir Freund Hein Auf seiner Fiedel so Wundersames geigt.” -

Dein Gruß: im Feiern neigt er sich dem Tode; Des Wageblutes Scharlachstürme lodern; In bleicher Stille ein zypressendichter Schlaf -

Er ging dahin, wo seine Werke wohnen.

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Illustration zu Arnold Böcklin

Interpretation

Das Gedicht "Arnold Böcklin" von Peter Hille ist eine Hommage an den Schweizer Maler Arnold Böcklin anlässlich seines 75. Geburtstags. Hille nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die Werke Böcklins, die als lebendige, atmende Welten dargestellt werden. Das Gedicht beginnt mit einer Reise in eine fremde, archaische Landschaft, in der der Eroberer an der Seite des Meisters geht. Es folgen Bilder aus Böcklins Gemälden wie "Die Toteninsel" und "Die Nereiden", die Hille in lebendige, atmende Szenen verwandelt. Der Wald, das Einhorn und das wilde Element werden als Ausdruck der "großen stummen Seelen" und der "ungeheuren Dinge" der Welt beschrieben. Im letzten Teil des Gedichts geht es um die Begegnung mit dem Tod, der als Freund Hein auftritt und auf seiner Fiedel "Wundersames" spielt. Böcklin neigt sich dem Tod zu und umarmt ihn mit einem "hohen Lächeln". Das Gedicht endet mit der Wiederholung des ersten Satzes, der nun eine tiefere Bedeutung annimmt: Böcklin ist in seinen Werken angekommen und wird von ihnen umarmt.

Schlüsselwörter

ging dahin werke wohnen nieder nacken ruht auge

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Mit angetürmtem Nacken ihm zur Seiten trabt der Eroberer
Anspielung
Da steht, geneigt Das weiße, stille Haupt, der braune Mönch und Geigt und streut wie Blumen nieder Zu Füßen der Maria späte Glut
Bildsprache
Grün steigt ein Hügel auf und ruht In Blumenkühle aus vom heißen Gleißen
Hyperbel
Des Lebens Wein in heitrer Andacht trinkst
Kontrast
In bleicher Stille ein zypressendichter Schlaf
Metapher
Er ging dahin wo seine Werke wohnen
Personifikation
Die großen stummen Seelen bitten
Symbolik
Zypressendichter Schlaf
Vergleich
wie bald verloren ihm
Wiederholung
Er ging dahin, wo seine Werke wohnen