Armins Klage

Luise Büchner

1821

“Wissen willst du, was ich leise seufze, Warum Trauer meine Stirn umhüllt? Nicht gering, o Cormar, ist mein Kummer, Meine Kinder ruhn in Todesschlummer Und von Schmerz ist meine Brust erfüllt!

Armin ist der Letzte seines Stammes, Seine Glieder werden schwach und alt - Finster ach! o Daura, ist dein Bette, Tief dein Schlaf an kalter Grabesstätte, Deiner Stimme Melodie verhallt.

Herbsteswinde, rauschet durch die Heide! Bergesströme, brauset wild empor! Stürme tobet in dem Haupt der Eichen, Lass dein Angesicht, o Mond, sich zeigen, Tritt aus halb zerrissnen Wolken vor!

Bring die Trauernacht vor meine Blicke, Die Arindal, Daura mir entriss - Daura, weißer als des Schwanes Flügel, Lieblich, wie das Mondlicht an dem Hügel, Gleich dem Hauch der Frühlingslüfte süß.

Flüchtig war Arindals Speer im Felde, Rothe Wetterwolke war sein Schild, Sanft sein Blick wie Nebel auf der Welle - Armar kam, ein Krieger stark und schnelle, Daura trug im Herzen tief sein Bild. -

Eraths Bruder Armar hat erschlagen, Den zu rächen, Erath kam daher, Kam, gekleidet wie des Meeres Söhne, Weiß die Locke, sanft der Stimme Töne, Leicht sein Nachen schaukelt auf dem Meer.

‘Schönstes Mädchen, holde Daura’, sprach er, ‘Aus dem Meer hebt dort ein Felsen sich, Rothe Frucht glänzt durch des Baumes Zweige, Den er trägt - in meinen Nachen steige, Dort harrt Armar, zu ihm führ ich dich!’

Und sie ging und rief nach ihm, doch Antwort Nur das Echo gab, sie rang die Hand: ‘Armar, was erfüllst du mich mit Zagen, Daura, ruft dich, hör ihr banges Klagen!’ - Erath, der Verräter, floh zum Land.

Sie erhob der Stimme Klagetöne, Rief Arindals, meine Hülfe an, Von dem Felsen klang ihr Rufen wieder, Von den Hügeln stieg Arindal nieder, Rau mit Jägerkleide angetan.

Fand den stolzen Erath an der Küste, Fest er an der Eiche Stamm ihn band, Laut sein Schmerzgeheul die Luft durchschneidet; Durch die Flut Arindals Nachen gleitet, Daura schnell zu führen an das Land.

Da kam Armar her in seinem Grimme, Der beschwingte Pfeil vom Bogen flog, Flog, dein Herz, Arindal, zu durchbohren, Deins an Eraths Statt, dem er erkoren - Todesnacht dein treues Aug umzog!

Ihm entsinkt das Ruder, an dem Felsen Strebt er noch empor - da bricht sein Herz! Welches war, da du zu deinen Füßen Sahst des Bruders Blut in Strömen fließen - Welches war, o Daura, war dein Schmerz!

An den Klippen ist das Boot zerschmettert, Armar stürzt sich in das wilde Meer, Seine Daura will er kühn erretten, Oder sich in dunkle Fluten betten - Weh! er sinkt und kehret nimmermehr!

Auf dem seeumwogten Felsen jammernd Meine Tochter saß in ihrer Qual, Sie zu retten war ich nicht im Stande, Weilt die ganze Nacht am Meeresstrande, Sah sie bei des Mondes bleichem Strahl.

Kalter Regen peitscht der Berge Seiten, Laut dazwischen heult des Nordens Wind, Schwächer ward beim Morgenlicht ihr Weinen, Schwand dahin, wie auf bemoosten Steinen Leise seufzend stirbt der Abendwind.

Einer Blume gleich vom Sturm gebrochen, So sank Daura schmerzbeladen hin, Du, o Armin! bliebst allein von Allen! Bei den Frauen ist mein Stolz gefallen, Meine Macht im Kriege schwand dahin! -

Wenn ins Tal die Stürme niederbrausen Und der Nord die Wogen wild erhebt, Sitz ich an dem donnernden Gestade, Schau hinüber nach dem Felsengrate, Oft von meiner Kinder Geist umschwebt!

Still einträchtig wandlen sie zusammen, Bleich der Mond ihr dämmernd Bild enthüllt - Nicht gering, o Cormar, ist mein Kummer, Meine Kinder ruhn im Todesschlummer Und mit Schmerz ist meine Brust erfüllt!”

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Illustration zu Armins Klage

Interpretation

Das Gedicht "Armins Klage" von Luise Büchner ist ein trauriges und emotionales Werk, das die tiefe Trauer und den Schmerz des Protagonisten Armin über den Verlust seiner Kinder zum Ausdruck bringt. Die Handlung spielt sich in einer düsteren und stürmischen Landschaft ab, die die innere Zerrissenheit und Verzweiflung des Protagonisten widerspiegelt. Das Gedicht ist in drei Strophen unterteilt, wobei jede Strophe eine unterschiedliche Perspektive auf die tragische Geschichte bietet. Die erste Strophe führt den Leser in die Welt des Protagonisten Armin ein und beschreibt seine tiefe Trauer über den Verlust seiner Kinder. Der Protagonist beklagt sich über die Dunkelheit und Kälte, die seine Welt umgeben, und ruft nach dem Mond, der seine Trauernacht erhellen soll. Die zweite Strophe erzählt die tragische Geschichte von Arindal und Daura, den Kindern des Protagonisten, die durch den Verrat von Erath ums Leben kamen. Die dritte Strophe beschreibt die verzweifelte Suche des Protagonisten nach seinen verlorenen Kindern und seine unendliche Trauer über ihren Tod. Insgesamt ist "Armins Klage" ein tief bewegendes Gedicht, das die menschliche Tragödie und den Schmerz des Verlustes auf eindringliche Weise darstellt. Die Verwendung von Naturbildern und die Wiederholung bestimmter Motive tragen zur emotionalen Intensität des Gedichts bei und machen es zu einem eindrucksvollen Werk der Romantik.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Sanft sein Blick wie Nebel auf der Welle
Anapher
Meine Kinder ruhn in Todesschlummer
Apostrophe
O Cormar, ist mein Kummer
Bildsprache
Flüchtig war Arindals Speer im Felde, Rothe Wetterwolke war sein Schild
Enjambement
Nicht gering, o Cormar, ist mein Kummer, Meine Kinder ruhn in Todesschlummer
Hyperbel
Welches war, o Daura, war dein Schmerz!
Kontrast
Armar kam, ein Krieger stark und schnelle, Daura trug im Herzen tief sein Bild
Metapher
Armin ist der Letzte seines Stammes
Personifikation
Herbsteswinde, rauschet durch die Heide!
Symbolik
Herbsteswinde, rauschet durch die Heide!
Vergleich
Daura, weißer als des Schwanes Flügel