Arme Lieder
1929- Meine Nachbarschaft
Mein Fenster schaut auf einen düstern Hof, Auf schmutzge Dächer und auf russge Mauern, Doch wer wie ich ein Stückchen Philosoph, Lässt darum sich noch lange nicht bedauern. Ein wenig Luft, ein wenig Sonnenlicht Dringt schliesslich auch durch seine trüben Scheiben, Zu hungern und zu frieren brauch ich nicht Und all mein Thun ist nur ein wenig Schreiben.
Ein wenig Schreiben, wenn ich stundenlang Mich einlas in die Wunderwelt der Alten, Bis endlich, endlich es auch mir gelang, Was ich gefühlt, zum Wohllaut zu gestalten. Dann fliesst es um mich wie ein Heilgenschein, Und mir im Herzen bauen sich Altäre; So könnt ich glücklich und zufrieden sein, Wenn ach, nur meine Nachbarschaft nicht wäre!
Kein Schwärmer ist es, der die Flöte liebt Und auf ihr nur “des Sommers letzte Rose”, Kein Tanzgenie, das ewig Stunden giebt, Auch kein klavierverrückter Virtuose: Ein armer Schuster nur, der nächtens flickt, Wenn längst aufs Dach herab die Sterne scheinen, Indess sein Weib daneben sitzt und strickt Und seine Kinderchen vor Hunger weinen!
O Gott, wie oft nicht schon hat dieser Laut Mich mitten aus dem tiefsten Schlaf gerüttelt! Und wenn ich halbwach dann mich umgeschaut, Hat wild es wie ein Fieber mich geschüttelt. Des Mädchens Schluchzen und des Knaben Schrei Und ganz zuletzt des Säuglings leises Wimmern - Mir war’s, als hörte ich dann nebenbei Drei kleine, kleine schwarze Bettlein zimmern.
Mir war’s, als rollte dumpf dann vor das Haus Der nur zu wohlbekannte Armenwagen Und jene Bettlein trugen sie hinaus Und luden sie in seinen düstern Schragen. Der Kutscher aber nahm noch einen Schluck Und peitschte fluchend seine magren Schinder Und übers Pflaster dann ging’s Ruck auf Ruck, Doch ach, noch immer wimmerten die Kinder!
Und immer, immer noch klang’s mir im Ohr, Wenn schon der Morgen durch das Fenster blickte, Und mir ums Auge hing einen Thränenflor, Wenn ich dann stumm mein Tagewerk beschickte. Was half mir nun mein “Stückchen Philosoph”? In Trümmer fiel, was ich so luftig baute! Doch that’s das Haus nicht, nicht der düstre Hof, Nein, nur die abgebrochnen Kindeslaute! -
Die Armuth bettelt um ein Stückchen Brot, Doch herzlos lässt der Reichthum sie verhungern Millionen tritt die Goldgier in den Koth, Und Einen einzigen nur lässt sie lungern. In seidne Betten wühlt sie ihn hinein, Wenn er beim Sect sich endlich ausgeplappert, Indess beim flackernden Laternenschein Das bleiche Elend mit den Zähnen klappert.
O Gott, warum dies alles, o warum? Wie Centnerlast drückt mich die Frage nieder! In meinen Reimen geht sie heimlich um Und ächzt und stöhnt durch meine armen Lieder. Was bleibt mir noch auf diesem Erdenball? Denn auch die Kunst, längst stieg sie vom Kothurne! Einst schlug mein Herz wie eine Nachtigall, Doch ach, nun gleicht es einer Thränenurne!
- Een Boot is noch buten!
“Ahoi! Klaas Nielsen und Peter Jehann! Kiekt nach, ob wi noch nich to Mus sind! Ji hewt doch gesehn dem Klabautermann? Gott Lob, dat wi wedder to Hus sind!” Die Fischer riefen’s und stiessen ans Land Und zogen die Kiele bis hoch auf den Strand, Denn dumpf an rollten die Fluthen; Han Jochen aber rechnete nach Und schüttelte finster sein Haupt und sprach: “Een Boot is noch buten!”
Und ernster keuchte die braune Schaar Dem Dorf zu über die Dünen, Schon grüssten von fern mit zerwehtem Haar Die Frau’n an den Gräbern der Hünen. Und “Korl!” hiess es und “Leiw Marie!” “‘T is doch man schön, dat ji wedder hie!” Dumpf an rollten die Fluthen - “Un Hinrich, min Hinrich? Wo is denn dee?!” Und Jochen wies in die brüllende See: “Een Boot is noch buten!”
Am Ufer dräute der Möwenstein, Drauf stand ein verrufnes Gemäuer, Dort schleppten sie Werg und Strandholz hinein Und gossen Oel in das Feuer. Das leuchtete weit in die Nacht hinaus Und sollte rufen: O komm nach Haus! Dumpf an rollen die Fluthen - Hier steht Dein Weib in Nacht und Wind Und jammert laut auf und küsst Dein Kind: “Een Boot is noch buten!”
Doch die Nacht verrann und die See ward still Und die Sonne schien in die Flammen, Da schluchzte die Aermste: “As Gott will!” Und bewusstlos brach sie zusammen! Sie trugen sie heim auf schmalem Brett, Dort liegt sie nun fiebernd im Krankenbett Und draussen plätschern die Fluthen; Dort spielt ihr Kind, ihr “lütting Jehann”, Und lallt wie träumend dann und wann: “Een Boot is noch buten!” -
- So Einer war auch Er!
Liegt ein Dörflein mitten im Walde, Ueberdeckt vom Sonnenschein, Und vor dem letzten Haus an der Halde Sitzt ein steinalt Mütterlein. Sie lässt den Faden gleiten Und Spinnrad Spinnrad sein Und denkt an die alten Zeiten Und nickt und schlummert ein.
Heimlich schleicht sich die Mittagsstille Durch das flimmernde, grüne Revier. Alles schläft; selbst Drossel und Grille Und vorm Pflug der müde Stier. Da plötzlich kommt es gezogen Blitzend den Wald entlang Und vor ihm hergeflogen Trommel und Pfeifenklang.
Und in das Lied vom alten Blücher Jauchzen die Dörfler: Sie sind da! Und die Mädels schwenken die Tücher Und die Jungens rufen: Hurrah! Gott schütze die goldnen Saaten, Dazu die weite Welt; Des Kaisers junge Soldaten Ziehn wieder ins grüne Feld!
Sieh, schon schwenken sie um die Halde, Wo das letzte der Häuschen lacht! Schon verschwinden die ersten im Walde Und das Mütterchen ist erwacht Versunken in tiefes Sinnen, Wird ihr das Herz so schwer Und ihre Thränen rinnen: “So Einer war auch Er!”
- Ein Herz, das zersprungen
Den Menschen fernab In Sammt und in Trauer Liegt einsam ein Grab, Ein Grab an der Mauer.
Kein Marmorstein deckt Den sinkenden Hügel, Doch drüberhin reckt Ein Baum seine Flügel.
Ein Christuskreuz sieht Aus blühendem Flieder Und manchmal auch kniet Ein Weib davor nieder.
Und gestern, als sacht Ich vorübergegangen, Da gab ich drauf Acht, Was die Vögel dort sangen.
Ich lauschte und sieh, Da war es die alte, Die Schmerzmelodie, Die noch niemals verhallte:
Ein Baum, der verblüht, Ein Ton, der verklungen, Ein Stern, der verglüht, Ein Herz, das zersprungen!
- Nachtstück
Längst fiel von den Bäumen Das letzte Blatt, In Schlaf und Träumen Liegt nun die Stadt; Die Fenster verdunkeln Sich Haus an Haus Und drüberhin funkeln Die Sterne sich aus; Kalt weht es vom Strom her, Der Eisgang kracht, Und drüben vom Dom her Dröhnt’s Mitternacht. Ich aber schleppe mich zitternd nach Haus - Der Nordwind bläst die Laternen aus!
Was half’s, dass ich klagend Die Gassen durchlief Und mitleidverzagend “Hier Rosen!” ausrief? “Hier Rosen, o Rosen! Wer kauft einen Strauss?” Doch die Herren Studiosen Lachten mich aus! Und keiner, keiner …. Dass Gott erbarm! O unsereiner Ist gar zu arm! Mir wanken die Kniee, mein Herzblut gerinnt - O Gott, mein Kind, mein armes Kind!
In stockdunkler Kammer, Verhungert, verthiert! Schon packt mich der Jammer: “Ach Muttchen, mich friert! Ach bitte, bitte Ein Stückchen Brot!” Mir ist es, als litte Ich gleich den Tod! Mir ist es, als müsste Ich schreien: “Fluch!” - O dass ich dich küsste Durchs Leichentuch! Dann wär es vorbei und sie scharrten dich ein Und ich trüg es allein, o Gott, allein…
- Weder Glück noch Stern!
Es war ein Narr! sprach mitleidslos die Welt, Ein Träumer! milderte die Nachbarschaft Und nur sein Herzfreund sprach: Er war ein Dichter!
Vor seinem Krankenlager aber sass Die bleiche Schwester der Barmherzigkeit Und blickte sinnend auf ein Blatt Papier, Das gestern erst der flinke Telegraph, Mit seinen krausen Zügen überdeckt, Und nur mit Mühe konnte sie entziffern: “Ihr erstes Stück! Ein Sensationserfolg! Berühmt mit einem Schlag! Wir gratuliren!” Er aber, dem dies kleine Blatt Papier Die heissersehnte Botschaft künden sollte: Glück auf, nun hast du nicht umsonst gelebt - Er schlief und sah es nicht, denn er war todt. Der dunkle Winterabend warf sein Licht Kalt durch die zugefrornen Fensterscheiben Und spielte zitternd um ein Frauenbild, Das auf die bleiche Stirn des todten Dulders Unsäglich schön und mitleidsvoll herabsah.
Darunter aber wand ein welker Kranz Sich grün um ein vergilbtes Atlasband; Drauf stand, voreinst von Freundeshand geschrieben, Das Sprüchlein: Lorbeerbaum und Bettelstab!
- Ninon
Ninon heisst sie. Ihre Mutter Handelt nachts mit Apfelsinen An der Weidendammer Brücke. Doch sie selbst ist Kammerkätzchen.
Stöckelschühchen. Sehr kokett. Sehr kokett sitzt auch ihr Häubchen, Das auf ihrem krausen Köpfchen Weiss und niedlich balanciert.
Doch der kleine Marmorschlingel, Der dem Spiegel vis-a-vis Grad vor einem Makartstrauss hockt, Lässt sich dadurch nicht verblüffen.
Immer, wenn ihr Pfauenwedel Ihn frühmorgens abstäubt, lacht er. Ja, die Stutzuhr kann sogar Deutlich hören, was er sagt:
“Thu mir den Gefallen, Kind, und Kokettiere nicht so viel! Ninon nennt die gnädge Frau dich? Geh, du heisst ja gar nicht so!
Martha heisst du. Dein Papa War der gnädge Herr von Dingsda. Vor drei Wochen in New-York Starb er als Conditorlehrling.
Deine Mutter lebt. Sie schielt, Hinkt und schnupft. Im Uebrigen Handelt sie mit Apfelsinen An der Weidendammer Brücke.”
- Im Volkston
Das Scheiden, ach das Scheiden, Wer hat das nur erdacht Und ein so schweres Leiden Mir übers Herz gebracht? Und wär’s ein Kräutelein, Ich nähm mein Messerlein Und wollte flink zerschneiden Die bösen Würzelein.
Ich hörte von den Weiben Herzliebe und Herzleid, Wo Herzelieb mag bleiben, Ist Herzeleid nicht weit. Herzliebe war uns hold Und fluchs kam angetrollt, Die Schwester zu vertreiben, Herzleide, die ihr grollt.
Aus Thor und Thurm und Mauern Zieh ich hinab das Thal Und blicke noch in Trauern Zurück zum letzten Mal. Horch, wie die Winde gehn, Schau, wie die Blätter wehn - Ach Gott, wie lang wird’s dauern, Bis wir uns wiedersehn!
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Interpretation
Das Gedicht "Arme Lieder" von Arno Holz ist eine Sammlung von sieben Strophen, die verschiedene Aspekte des Lebens und der Gesellschaft thematisieren. Es beginnt mit der Schilderung eines armen Dichters, der in einer tristen Umgebung lebt und von den Sorgen der Menschen um ihn herum geplagt wird. Trotz seiner philosophischen Betrachtungen und seiner Kunst kann er die Not und das Elend der Menschen nicht ignorieren. Das Gedicht kritisiert die Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Gesellschaft, wo die Armen hungern müssen, während die Reichen in Luxus schwelgen. Es zeigt die Verzweiflung und den Schmerz des Dichters, der seine Kunst als Ausdruck des Leidens und der Hoffnungslosigkeit empfindet. Das Gedicht endet mit einem Appell an die Menschlichkeit und den Wunsch nach einer besseren Welt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Een Boot is noch buten
- Anapher
- Dumpf an rollten die Fluthen
- Hyperbel
- Millionen tritt die Goldgier in den Koth
- Metapher
- Herzliebe war uns hold / Und fluchs kam angetrollt
- Personifikation
- Horch, wie die Winde gehn
- Vergleich
- Schau, wie die Blätter wehn