Arm oder reich

Theodor Fontane

1898

“Sagen Sie, sind Sie dem lieben Gold in der Tat so wenig hold, Blicken Sie wirklich, fast stolz, auf die Hüter, aller möglichen irdischen Güter? Ist der Kohinoor, dieser ‘Berg des Lichts’, Ihnen allen Ernstes nichts?”

So stellen zuzeiten die Fragen sich ein, und ich sage dann “ja” und sag’ auch “nein”.

Wie meistens hierlandes die Dinge liegen, bei dem Spatzenflug, den unsre Adler fliegen (Nicht viel höher als ein Scheunentor), zieh’ ich das Armsein entschieden vor.

Dies Armsein ist mir schon deshalb genehmer, weil für den Alltag um vieles bequemer. Von Vettern und Verwandtenhaufen werd’ ich nie und nimmer belaufen, es gibt - und dafür will Dank ich zollen - keine Menschen, die irgend was von mir wollen. Ich höre nur selten der Glocke Ton, keiner ruft mich ans Telefon, ich kenne kein Hasten und kenne kein Streben und kann jeden Tag mir selber leben.

Und doch, wenn ich irgend etwas geschrieben, das, weil niemand es will, mir liegen geblieben, oder wenn ich Druckfehler ausgereutet, da weiß ich recht wohl, was Geld bedeutet. Und wenn man trotzdem, zu dieser Frist, den Respekt vor dem Gelde bei mir vermißt, so liegt das daran ganz allein: Ich finde die Summen hier immer zu klein.

Was, um mich herum hier, mit Golde sich ziert, ist meistens derartig, daß mich’s geniert; Der Grünkramhändler, der Weißbierbudiker, der Tantenbecourer, der Erbschaftsschlieker, der Züchter von Southdownhammelherden, Hoppegartenbarone mit Rennstallpferden, Wuchrer, hochfahrend und untertänig - sie haben mir alle viel viel zu wenig.

Mein Intresse für Gold und derlei Stoff beginnt erst beim Fürsten Demidoff, bei Yussupoff und bei Dolgorucky, bei Sklavenhaltern aus Süd-Kentucky, bei Mackay und Gould, bei Bennet und Astor, hierlandes schmeckt alles nach Hungerpastor - erst in der Höhe von Van der Bilt seh’ ich mein Ideal gestillt: Der Nil müßte durch ein Nil-Reich laufen, China würd’ ich meistbietend verkaufen, einen Groß-Admiral würd’ ich morgen ernennen, der müßte die englische Flotte verbrennen, auf daß, Gott segne seine Hände, das Kattun-Christentum aus der Welt verschwände. So reich sein, das könnte mich verlocken - sonst bin ich für Brot in die Suppe brocken.

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Illustration zu Arm oder reich

Interpretation

Das Gedicht "Arm oder reich" von Theodor Fontane beschäftigt sich mit der ambivalenzen Beziehung des lyrischen Ichs zu Reichtum und Armut. Es beginnt mit der Frage, ob das lyrische Ich dem Gold gegenüber abgeneigt ist und auf die Hüter der irdischen Güter herabblickt. Die Antwort ist ambivalent: "ja und nein". Das lyrische Ich bevorzugt das Armsein, da es bequemer für den Alltag ist und es vor lästigen Verwandten und Forderungen bewahrt. Es genießt die Ruhe und die Freiheit, jeden Tag für sich selbst zu leben, ohne Hast und Streben. Jedoch gibt es Momente, in denen das lyrische Ich den Wert des Geldes erkennt, zum Beispiel wenn ein geschriebenes Werk unverkauft bleibt oder wenn man Druckfehler ausmerzt. Die Abneigung gegenüber Geld liegt nicht an einer grundsätzlichen Verachtung, sondern daran, dass die vorhandenen Summen immer zu klein sind. Das lyrische Ich findet die Menschen, die sich mit Gold schmücken, oft unangenehm und von niedrigem Charakter. Es interessiert sich erst für Reichtum, wenn es um Fürsten, Sklavenhalter oder Magnaten wie Mackay und Gould geht. Das lyrische Ich träumt davon, extrem reich zu sein, wie Van der Bilt, und sich grandiose Fantasien auszumalen, wie den Nil durch ein Nil-Reich laufen zu lassen oder China zu verkaufen. Es wünscht sich, einen Groß-Admiral zu ernennen, der die englische Flotte verbrennt und das "Kattun-Christentum" aus der Welt schafft. Nur dieser extreme Reichtum könnte das lyrische Ich verlocken. Ansonsten ist es mit dem Notwendigsten zufrieden und bevorzugt die Einfachheit des Lebens.

Schlüsselwörter

viel gold wenig meistens hierlandes liegen armsein will

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Blicken Sie wirklich, fast stolz auf die Hüter
Allusion
bei Fürsten Demidoff, bei Yussupoff und bei Dolgorucky
Anapher
und sag' auch "nein".
Anspielung
Mackay und Gould, bei Bennet und Astor
Bildsprache
Der Grünkramhändler, der Weißbierbudiker, der Tantenbecourer, der Erbschaftsschlieiker
Enjambement
von Vettern und Verwandtenhaufen werd' ich nie und nimmer belaufen
Hyperbel
China würd' ich meistbietend verkaufen
Ironie
Und wenn man trotzdem, zu dieser Frist, den Respekt vor dem Gelde bei mir vermißt
Klischee
erste in der Höhe von Van der Bilt
Kontrast
Ich ziehe das Armsein entschieden vor.
Kontrastierung
Armsein vs. Reichtum
Metapher
Nicht viel höher als ein Scheunentor
Parallelismus
keiner ruft mich ans Telefon, ich kenne kein Hasten und kenne kein Streben
Personifikation
bei dem Spatzenflug, den unsre Adler fliegen
Reimschema
AABB
Rhetorische Frage
Sind Sie dem lieben Gold in der Tat so wenig hold?
Spott
sie haben mir alle viel viel zu wenig
Sprachliche Bildlichkeit
das Kattun-Christentum aus der Welt verschwände
Strophenbau
Fünf Strophen mit unterschiedlicher Länge
Symbolik
Gold
Vergleich
Ich höre nur selten der Glocke Ton
Übertreibung
Der Nil müßte durch ein Nil-Reich laufen