Arm Kräutchen

Joachim Ringelnatz

1883

Ein Sauerampfer auf dem Damm stand zwischen Bahngeleisen, machte vor jedem D-Zug stramm, sah viele Menschen reisen.

Und stand verstaubt und schluckte Qualm, schwindsüchtig und verloren, ein armes Kraut, ein schwacher Halm, mit Augen, Herz und Ohren.

Sah Züge schwinden, Züge nahen. Der arme Sauerampfer sah Eisenbahn um Eisenbahn, sah niemals einen Dampfer.

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Illustration zu Arm Kräutchen

Interpretation

Das Gedicht "Arm Kräutchen" von Joachim Ringelnatz beschreibt das Schicksal eines Sauerampfers, der am Bahndamm wächst und sein Leben im Schatten der vorbeifahrenden Züge verbringt. Der Sauerampfer steht zwischen den Geleisen, streckt sich bei jedem D-Zug und beobachtet die Menschen, die reisen. Er ist verstaubt und inhaliert den Qualm der Züge, was ihn schwindsüchtig und verloren erscheinen lässt. Trotz seiner schwachen Existenz als Kraut oder Halm besitzt er Augen, Herz und Ohren, die es ihm ermöglichen, die Welt um sich herum wahrzunehmen. Der Sauerampfer erlebt die ständige Wiederkehr der Züge, die kommen und gehen, und wird so zum Zeugen des unaufhaltsamen Fortschritts der Eisenbahn. Er sieht unzählige Züge vorbeifahren, aber nie einen Dampfer, was seine begrenzte Perspektive und seine Eingeschränktheit symbolisiert. Das Gedicht vermittelt eine melancholische Stimmung, da der Sauerampfer in seiner Einsamkeit und Verletzlichkeit dasteht und den Lauf der Zeit beobachtet, ohne selbst daran teilhaben zu können. Die Personifizierung des Sauerampfers verleiht dem Gedicht eine tiefere Bedeutungsebene. Der Sauerampfer wird zum Sinnbild für diejenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen und das Treiben der Welt beobachten, ohne selbst aktiv daran teilnehmen zu können. Das Gedicht regt zum Nachdenken über die Vergänglichkeit des Lebens und die Bedeutungslosigkeit des Einzelnen im Angesicht des unaufhaltsamen Fortschritts an.

Schlüsselwörter

sah sauerampfer stand züge eisenbahn damm zwischen bahngeleisen

Wortwolke

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Stilmittel

Ironie
sah niemals einen Dampfer
Kontrast
sah Züge schwinden, Züge nahen
Metapher
mit Augen, Herz und Ohren
Personifikation
machte vor jedem D-Zug stramm