Ariosto
1893Schwing′ auf den Hippogryphen dich auf, und waffne mit Zauber, Waffne mit magischer Kraft Sinn und Verstand dir und Geist. Denn es droht dir die wimmelnde Welt, die begeisterte Willkür, Tausend Sirenen hinab dich in den Wirbel zu ziehn. Ist es nicht so, als hätt′ in fantastisch munterer Laune Gott nur zum Zeitvertreib seinen Planeten gemacht? Halte dich fest, du verlierest dich selbst; der rasende Dichter Nimmt dir das Hirn und hinweg setzt es dir′s kühn in den Mond. Still, mit der alten Mama, der Natur, ihr Gesetz ist vorüber, Und von Magiern und Feen, zaubernden Todten und Frau′n, Fliegenden Rossen, krystallnen Kastellen und Wundern des Meeres, Lanzen und Hörnern und Schild ist sie verlacht und geneckt. Dennoch öffnet sie zärtlich den Schooß, und die süßesten Blüthen, Und den unendlichsten Reiz beut sie verschwenderisch dir. Himmlische Frühlinge wehen dich an, und Jugend und Freude, Selig melodisch ertönt dir aus den Sternen Musik. Laß sie kämpfen die Helden, und tausend Lanzen sich brechen, Sammle zur blutigen Schlacht Karl und der Mohr auch sein Heer, Dennoch hängt der Dichter die tolle schwärmende Erde An einen Blumenkranz wie eine Perle dir auf.
Suchst du die brennendste Gluth der Liebe, die Schönheit der Treue, Hat Beatrice dir nur Andacht und Schwindel erweckt, Ist dir auch Laura′s Bild im unendlichen Aether verschwunden, Ach, so hast du gewiß mit Bradamanten geweint! Diese Thränen sind süßer als jenes kalte Erstaunen, Nur wo ein menschliches Herz, fühlest die Liebe du mit.
Dante′n führte Virgil und die überschwängliche Freundin, Und in den Tiefen und Höhn droht dir der Athem zu fliehn, Aber der heitre Humor, der begeisterte, wohnte der holden Grazie bei, und es kam so Lodovico zur Welt.
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Interpretation
Das Gedicht "Ariosto" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine Hommage an den italienischen Dichter Ludovico Ariosto und seine Werke. Waiblinger preist Ariostos Fähigkeit, die Fantasie zu beflügeln und den Leser in eine Welt voller Magie, Wunder und Liebe zu entführen. Er ermutigt den Leser, sich auf den "Hippogryphen" zu schwingen, ein mythisches Fabelwesen aus Ariostos bekanntestem Werk "Orlando Furioso", und sich mit Zauberkraft auszustatten, um den Verlockungen der Welt zu widerstehen. Waiblinger betont, dass Ariosto die Naturgesetze überwindet und eine Welt voller Magier, Feen, fliegender Pferde und kristalliner Schlösser erschafft. Dennoch bewahrt er die Schönheit und den Reiz der Natur, die dem Leser himmlische Frühlingsgefühle und melodische Musik aus den Sternen bietet. Im zweiten Teil des Gedichts vergleicht Waiblinger die Liebe in den Werken von Dante und Petrarca mit der Liebe in Ariostos Werken. Er deutet an, dass die Liebe in Ariostos Werken, insbesondere die Liebe zwischen Bradamante und Ruggiero, intensiver und menschlicher ist als die ehrfürchtige und schwindelerregende Liebe zu Beatrice in Dantes "Göttlicher Komödie" oder die unerreichbare Liebe zu Laura in Petrarcas Sonetten. Waiblinger betont, dass wahre Liebe nur dort empfunden werden kann, wo ein menschliches Herz schlägt. Im dritten Teil des Gedichts zieht Waiblinger einen Vergleich zwischen Dante und Ariosto. Er stellt fest, dass Dante zwar von Virgil und seiner "überschwänglichen Freundin" (vermutlich Beatrice) geleitet wurde, aber dass die Tiefe und Höhe seiner Werke den Atem des Lesers rauben können. Im Gegensatz dazu war es der "heitere Humor" und die "begeisterte Grazie", die Lodovico (Ariosto) zur Welt brachten. Waiblinger deutet an, dass Ariostos Werke eine angenehmere und menschlichere Erfahrung bieten als die oft überwältigenden und erschreckenden Werke von Dante.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Nimmt dir das Hirn und hinweg setzt es dir's kühn in den Mond
- Metapher
- Dante'n führte Virgil
- Personifikation
- die überschwängliche Freundin