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Ariosto

Von

1.

Schwing′ auf den Hippogryphen dich auf, und waffne mit Zauber,
Waffne mit magischer Kraft Sinn und Verstand dir und Geist.
Denn es droht dir die wimmelnde Welt, die begeisterte Willkür,
Tausend Sirenen hinab dich in den Wirbel zu ziehn.
Ist es nicht so, als hätt′ in fantastisch munterer Laune
Gott nur zum Zeitvertreib seinen Planeten gemacht?
Halte dich fest, du verlierest dich selbst; der rasende Dichter
Nimmt dir das Hirn und hinweg setzt es dir′s kühn in den Mond.
Still, mit der alten Mama, der Natur, ihr Gesetz ist vorüber,
Und von Magiern und Feen, zaubernden Todten und Frau′n,
Fliegenden Rossen, krystallnen Kastellen und Wundern des Meeres,
Lanzen und Hörnern und Schild ist sie verlacht und geneckt.
Dennoch öffnet sie zärtlich den Schooß, und die süßesten Blüthen,
Und den unendlichsten Reiz beut sie verschwenderisch dir.
Himmlische Frühlinge wehen dich an, und Jugend und Freude,
Selig melodisch ertönt dir aus den Sternen Musik.
Laß sie kämpfen die Helden, und tausend Lanzen sich brechen,
Sammle zur blutigen Schlacht Karl und der Mohr auch sein Heer,
Dennoch hängt der Dichter die tolle schwärmende Erde
An einen Blumenkranz wie eine Perle dir auf.

2.

Suchst du die brennendste Gluth der Liebe, die Schönheit der Treue,
Hat Beatrice dir nur Andacht und Schwindel erweckt,
Ist dir auch Laura′s Bild im unendlichen Aether verschwunden,
Ach, so hast du gewiß mit Bradamanten geweint!
Diese Thränen sind süßer als jenes kalte Erstaunen,
Nur wo ein menschliches Herz, fühlest die Liebe du mit.

3.

Dante′n führte Virgil und die überschwängliche Freundin,
Und in den Tiefen und Höhn droht dir der Athem zu fliehn,
Aber der heitre Humor, der begeisterte, wohnte der holden
Grazie bei, und es kam so Lodovico zur Welt.

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Gedicht: Ariosto von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Ariosto“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine Hommage an den italienischen Dichter Ludovico Ariosto und eine Reflexion über die Natur der Fantasie, des Dichtertums und der menschlichen Erfahrung. Es ist in drei Teile gegliedert und vermischt Elemente der Romantik mit einer Wertschätzung für die heitere, spielerische Kreativität Ariostos. Das Gedicht ist ein Aufruf an den Dichter, sich den Zauber der Welt zu eigen zu machen, aber auch die realen menschlichen Emotionen zu würdigen, die im Zentrum der Kunst stehen.

Der erste Teil des Gedichts beschreibt die Welt, die Ariosto in seinen Epen erschuf. Die Beschwörung, sich auf den „Hippogryphen“ (einem geflügelten Pferd) zu schwingen, symbolisiert den Aufbruch in die Welt der Fantasie. Waiblinger warnt vor der „wimmelnden Welt“, dem „begeisterten Willkür“ und den „Sirenen“, die den Dichter in den Strudel ziehen könnten. Gleichzeitig preist er die Schönheit und den Reiz dieser Welt mit ihren Wundern, den fliegenden Pferden, Kristallschlössern und den „süßesten Blüthen“. Waiblinger erinnert an die „alte Mama, der Natur“ und wie sie durch die Fantasie des Dichters belacht und geneckt wird, obwohl sie immer noch ihre Gaben und Schönheiten anbietet. Diese Ambivalenz deutet auf die Spannung zwischen der Realität und der Fantasie hin, die das Gedicht durchzieht. Das Ende des ersten Teils, in dem die „tolle schwärmende Erde“ an einem Blumenkranz hängt, betont die Macht des Dichters, die Welt zu verändern und ihr eine neue, ästhetische Ordnung zu verleihen.

Der zweite Teil des Gedichts konzentriert sich auf die menschliche Erfahrung, insbesondere auf Liebe und Emotionen. Waiblinger stellt die Frage, ob man die „brennendste Gluth der Liebe“ und die „Schönheit der Treue“ finden kann. Er vergleicht die reine Verehrung (Beatrice) mit dem Verlust der Vision (Laura) und schlägt vor, dass wahre Emotionen, wie Tränen, kostbarer sind als das bloße Staunen. Dieser Teil deutet auf die Bedeutung menschlicher Beziehungen und die Kraft des Mitgefühls hin. Der Dichter soll in der Lage sein, mit Bradamanten zu weinen – eine Figur aus Ariostos „Orlando Furioso“ – und dadurch wahre Liebe und Empathie zu erfahren.

Der dritte Teil verweist auf die Bedeutung Ariostos im Vergleich zu Dante. Waiblinger erinnert daran, dass Dante durch Virgil geführt wurde, und stellt fest, dass Ariostos heiterer Humor im Mittelpunkt steht. Waiblinger feiert Ariostos Fähigkeit, Humor, Fantasie und Emotionen miteinander zu verbinden und so eine neue Welt zu erschaffen. Die Wahl von „Grazie“ (Anmut) als Element, das Ariosto begleitet, unterstreicht die Bedeutung von Stil und Freude in der Kunst. Das Gedicht schließt mit einer Bestätigung von Ariostos Beitrag zur Weltliteratur und der Hervorhebung der Bedeutung seiner heiteren, aber tiefgründigen Sichtweise.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.