Arie
1763Schwarz ist mein Pfad, den mir auf dickem Dorne Die Eisenhand Der Parze wies, als sie mir einst im Zorne Den Faden wand. Was hast du, Welt, das ich zum Pilgermahle Noch hoffen darf, Ach, den das Schicksal aus dem Satz der Schale Zum Trotze warf? Es lagert sich von mißgeschaffnen Gnomen Um meine Stirn Ein Heer und quält mit stygischen Phantomen Mein Herz und Hirn! Mein Wandelplatz sind lange Todtenhallen, Wo Fürst und Knecht Im Arm der Zeit zu gleichem Moder fallen Und gleichem Recht. Wo gleicher Schutt auf Knochen stolzer Edeln Und Fröner fällt, Wo schwelgerisch der Wurm in beider Schädeln Behausung hält. Da hat für mich der Mutterschoos der Erde, Mir jetzt so karg, Doch Platz, wenn ich zurücke kehren werde, Für meinen Sarg. Und weigerte man mir auch Sarg und Decke, Was liegt mir dran? Flaum oder Stein ist Eins; an welchem Flecke, Geht mich nichts an.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Arie" von Johann Gottfried Seume ist eine tiefgründige Reflexion über das Leben, das Schicksal und den Tod. Der Sprecher beschreibt seinen Lebensweg als einen dunklen und von Dornen durchsetzten Pfad, der ihm von der Parze, einer der griechischen Schicksalsgöttinnen, gewiesen wurde. Die Welt erscheint ihm als ein Ort, an dem er nichts mehr zu hoffen wagt, da das Schicksal ihn aus der Gemeinschaft der Lebenden ausgeschlossen hat. Die Bilder von düsteren Hallen und dem gleichmäßigen Verfall von Fürst und Knecht verdeutlichen die Vergänglichkeit und Gleichheit aller Menschen im Angesicht des Todes. Die Stimmung des Gedichts ist von Verzweiflung und Resignation geprägt. Der Sprecher fühlt sich von einem Heer missgeschaffener Gnome umgeben, die sein Herz und Hirn mit stygischen Phantomen quälen. Diese düsteren Visionen lassen ihn in langen Totenhallen wandeln, wo er die Vergänglichkeit und Gleichheit aller Menschen vor Augen geführt bekommt. Die Vorstellung, dass Wurm und Moder sowohl stolze Edelleute als auch gemeine Leute gleichermaßen befallen, unterstreicht die Nutzlosigkeit weltlicher Hierarchien und die Unausweichlichkeit des Todes. Im letzten Teil des Gedichts findet der Sprecher eine gewisse Ruhe in der Aussicht auf den Tod. Er akzeptiert, dass die Erde, die ihm im Leben karg erscheint, ihm nach dem Tod einen Platz bieten wird, sei es in einem Sarg oder unter der bloßen Erde. Die Gleichgültigkeit gegenüber der Art seiner Bestattung – Flaum oder Stein, Sarg oder Decke – zeigt eine tiefe Resignation und die Erkenntnis, dass im Tod alle Unterschiede aufgehoben sind. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass der Ort der letzten Ruhe für den Sprecher gleichgültig ist, da der Tod alle Unterschiede ebnen wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Flaum oder Stein
- Personifikation
- Die Eisenhand der Parze
- Rhetorische Frage
- Was hast du, Welt, das ich zum Pilgermahle noch hoffen darf