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Architekt

Von

Das ist schlimm, wie die Architektur so schrecklich gefallen,
Darum bin ich nach Rom, bess′res zu lernen, gereist.
Jahrlang hab′ ich daselbst das Pantheon und den Farnese,
Tempel, Basiliken und alle Paläste studirt.
So erlernt′ ich guten Geschmack; die ästhetischen Regeln
Wend′ ich zu Hause nun auf Hühner- und Schweinestall an.

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Gedicht: Architekt von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Architekt“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine ironische Auseinandersetzung mit der Kunst und der Frage nach dem richtigen Ort für kreative Entfaltung. Das Gedicht beginnt mit einer Klage über den schlechten Zustand der Architektur, was den Erzähler dazu veranlasst, nach Rom zu reisen, um dort „bess’res zu lernen“. Diese Aussage deutet auf eine Suche nach Perfektion und idealen Formen hin, wie sie in der klassischen römischen Architektur verkörpert werden.

Der zweite Teil des Gedichts beschreibt die intensive Auseinandersetzung des Erzählers mit den römischen Bauwerken, wobei das Pantheon und der Palazzo Farnese explizit genannt werden, ebenso wie Tempel und Basiliken. Durch dieses „Studium“ erwirbt der Erzähler „guten Geschmack“, die ästhetischen Regeln der klassischen Architektur scheinen verinnerlicht zu sein. Hier liegt der Wendepunkt: Die zuvor angestrebte Erleuchtung in Rom führt nicht etwa zur Gestaltung großer, öffentlicher Gebäude, sondern zu einer Anwendung des Gelernten in einem völlig profanen Kontext.

Die Ironie des Gedichts liegt in der Gegenüberstellung von hoher Kunst und niedriger Alltagswelt. Die Anwendung der ästhetischen Regeln auf „Hühner- und Schweinestall“ ist ein Bruch mit den Erwartungen, die durch die Reise nach Rom und das Studium der klassischen Baukunst geweckt wurden. Es ist ein Akt der Ernüchterung, der die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen idealistischer Vorstellung und banalem Dasein aufzeigt.

Waiblinger kritisiert mit diesem Gedicht die Fixierung auf formale Regeln und den Verlust der Kreativität durch übermäßiges Studium. Der Erzähler scheint zwar „guten Geschmack“ erworben zu haben, doch fehlt ihm der Mut oder die Fähigkeit, diesen in einem angemessenen Kontext anzuwenden. Stattdessen wird das Gelernte auf eine Weise genutzt, die die Ironie und den Witz des Gedichts ausmacht und eine Gesellschaft widerspiegelt, in der Kunst oft von den Erwartungen und Umständen der Realität eingeholt wird.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.