Archipelagus der Liebe

Anastasius Grün

1806

Es glüht das Meer, endlos vor mir gebreitet, Wie die Erinnerung an ros’gen Mai, Und jenes Segel, das darüber gleitet, Mich dünkt’s, als ob mein eignes Herz es sei.

Du unstät Fahrzeug dort, das schwank und irre Fern durch die Wogen steuert hin und her, Wer sagt mir wohl, wohin dein Segel schwirre In diesem weiten, inselreichen Meer?

Welch Eiland einst dein Port aus all den blauen, Zerstreut im Spiegel abendrother Gluth, Wie Häupter holder Jungfrau’n anzuschauen Auftauchend aus dem Bade lauer Fluth?

Ob dieses hier, auf dessen Flur von Rosen Der Abend jetzt auch seine Rosen streut, Daß Himmelsblüthen mit den ird’schen kosen, Und Erd’ und Himmel glühn im Blumenstreit?

Ob jenes dort, so stolz die Stirne tragend, Wenn Morgenroth drauf seinen Kuß gepreßt, Doch dessen goldner Felsenwall, hochragend, Den Kahn der Sehnsucht nimmer landen läßt?

Ob jene Insel, die, daß sanft es lande, Manch Schifflein lockt, und lieblich anzusehn, Wenn Mondenglanz sich gießt auf ihre Strande Und goldne Stern’ in Meer und Aether stehn?

Ob es die blondgelockte, deren Felder In üpp’ger Saat hinfluthen helles Gold? Die schwarzgelockte, der ein Kranz der Wälder Wie lindes Haar reich um die Schultern rollt?

Wer sagt es mir, wohin dieß Segel schwirre, Und ob’s ein Schiff auch, was dort treibt umher? Ob’s nicht vielleicht mein Herz, das schwanke, irre, Durchschiffend der Erinn’rung blaues Meer?

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Illustration zu Archipelagus der Liebe

Interpretation

Das Gedicht "Archipelagus der Liebe" von Anastasius Grün beschreibt die Reise eines Herzens durch das weite Meer der Erinnerung. Das Meer, das in einem rosigen Glanz erstrahlt, symbolisiert die Erinnerungen an die Liebe, die wie der Mai voller Blüten und Farben ist. Das Segel, das über das Meer gleitet, wird als das eigene Herz des lyrischen Ichs wahrgenommen, das unruhig und unsicher durch die Wellen der Erinnerung steuert. Das Gedicht fragt nach dem Ziel dieser Reise und stellt verschiedene Inseln als mögliche Ziele vor. Jede Insel steht für eine andere Facette der Liebe und der Erinnerung. Die erste Insel, auf deren Boden Rosen blühen, symbolisiert die Schönheit und die Harmonie der Liebe. Die zweite Insel, mit ihrem stolzen Felsenwall, steht für die unerreichbare Liebe, die trotz aller Sehnsucht unnahbar bleibt. Die dritte Insel, die sanft und lieblich erscheint, wenn der Mondschein auf ihre Strände fällt, symbolisiert die romantische und verträumte Liebe. Die letzten beiden Inseln, eine mit blondgelockten Feldern und eine mit schwarzgelockten Wäldern, repräsentieren die Vielfalt und den Reichtum der Erinnerungen an die Liebe. Das Gedicht endet mit der Frage, ob das Segel wirklich ein Schiff ist oder ob es vielleicht das eigene Herz ist, das durch das blaue Meer der Erinnerung schifft. Es bleibt unklar, ob das Herz jemals ein Ziel erreichen wird oder ob es ewig durch die Inseln der Erinnerung treibt, immer auf der Suche nach der vollkommenen Liebe.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Ob’s nicht vielleicht mein Herz, das schwanke, irre, / Durchschiffend der Erinn’rung blaues Meer
Personifikation
Der Abend jetzt auch seine Rosen streut
Symbolik
Und Erd’ und Himmel glühn im Blumenstreit
Vergleich
Wie Häupter holder Jungfrau’n anzuschauen / Auftauchend aus dem Bade lauer Fluth