Arbeit

Ferdinand Freiligrath

1876

Wer den wucht’gen Hammer schwingt, wer im Felde mäht die Ähren, wer ins Mark der Erde dringt, Weib und Kinder zu ernähren, wer stroman den Nachen zieht, wer bei Woll und Werg und Flachse hinterm Webestuhl sich müht, daß sein blonder Junge wachse: -

Jedem Ehre, jedem Preis! Ehre jeder Hand voll Schwielen! Ehre jedem Tropfen Schweiss, der in Hütten fällt und Mühlen! Ehre jeder nassen Stirn hinterm Pfluge - doch auch dessen, der mit Schädel und mit Hirn hungernd pflügt, sei nicht vergessen!

Ob in enger Bücherei Dunst und Moder ihn umstäube: Ob er Sklav’ der Messe sei, Lieder oder Dramen schreibe; Ob er um verruchten Lohn Fremden Ungeschmack vertiere; Ob er in gelehrter Fron Griechisch und Latein doziere: -

Er auch ist ein Proletar! Ihm auch heißt es: “Darbe! borge!” Ihm auch bleicht das dunkle Haar, Ihn auch hetzt ins Grab die Sorge! Mit dem Zwange, mit der Not Wie die andern muß er ringen, Und der Kinder Schrei nach Brot Lähmt auch ihm die freien Schwingen!

Manchen hab ich so gekannt! Nach den Wolken flog sein Streben: - Tief im Staube von der Hand In den Mund doch mußt’ er leben! Eingepfercht und eingedornt, Ächzt’ er zwischen Tür und Angel; Der Bedarf hat ihn gespornt, Und gepeitscht hat ihn der Mangel.

Also schrieb er Blatt auf Blatt, Bleich und mit verhärmten Wangen, Während draußen Blum’ und Blatt Sich im Morgenwinde schwangen. Nachtigall und Drossel schlug, Lerche sang und Habicht kreiste: - Er hing über seinem Buch, Tagelöhner mit dem Geiste!

Dennoch, ob sein Herz auch schrie, Blieb er tapfer, blieb ergeben: “Dieses auch ist Poesie, Denn es ist das Menschenleben!” Und wenn gar der Mut ihm sank, Hielt er fest sich an dem einen: " Meine Ehre wahrt’ ich blank! Was ich tu, ist für die Meinen!"

Endlich ließ ihn doch die Kraft! Aus sein Ringen, aus sein Schaffen! Nur zuweilen, fieberhaft, Konnt’ er noch empor sich raffen! Nachts oft von der Muse Kuß Fühlt’ er seine Schläfen pochen; Frei dann flog der Genius, Den des Tages Drang gebrochen!

Lang jetzt ruht er unterm Rain, D’rauf im Gras die Winde wühlen; Ohne Kreuz und ohne Stein Schläft er aus auf seinen Pfühlen. Rotgeweinten Angesichts Irrt sein Weib und irrt sein Samen - Bettlerkinder erben nichts, Als des Vaters reinen Namen!

Ruhm und Ehre jedem Fleiß! Ehre jeder Hand voll Schwielen! Ehre jedem Tropfen Schweiß, Der in Hütten fällt und Mühlen! Ehre jeder nassen Stirn Hinterm Pfluge! - Doch auch dessen, Der mit Schädel und mit Hirn Hungernd pflügt, sei nicht vergessen!

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Illustration zu Arbeit

Interpretation

Das Gedicht "Arbeit" von Ferdinand Freiligrath ist eine Ode an die Arbeit in all ihren Formen. Es beginnt mit einer Huldigung an die körperliche Arbeit, wie sie von Handwerkern, Landwirten und Fischern geleistet wird. Der Dichter preist die Ehre und den Preis jeder schwitzenden Stirn und jeder vollen Hand an Schwielen. Er erweitert seine Anerkennung jedoch auch auf die geistige Arbeit, die von Schriftstellern, Lehrern und Intellektuellen verrichtet wird, die oft unter schlechten Bedingungen und für geringen Lohn arbeiten. Freiligrath stellt fest, dass auch diese geistigen Arbeiter Proletarier sind, die unter den gleichen Zwängen und Nöten leiden wie die körperlichen Arbeiter. Er beschreibt das Schicksal eines Schriftstellers, der seine Träume aufgeben musste, um für seinen Lebensunterhalt zu schreiben. Der Dichter selbst kennt solche Menschen und beschreibt ihre Mühen und Entbehrungen. Das Gedicht endet mit einer Rückkehr zu der anfänglichen Ehrung der Arbeit. Freiligrath betont, dass die Ehre und der Ruhm der Arbeit allen zuteilwerden sollten, unabhängig davon, ob sie mit der Hand oder mit dem Geist ausgeführt wird. Er erinnert daran, dass auch die geistigen Arbeiter, die "mit Schädel und Hirn" arbeiten, nicht vergessen werden sollten.

Schlüsselwörter

ehre jedem jeder hinterm hand blatt weib kinder

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Stilmittel

Metapher
Mit Schädel und mit Hirn hungernd pflügt