Apostasie
1907Hie Welf! Hie Waiblinger! Laß sehn! Nur schwanke nicht hin und her! Du kannst, ein Ehrenmann, auch stehn Gegenüber im Feindesheer.
Magst Bär im Geklüft, magst Falk’ im Licht, Nur Fledermaus nicht sein; Sei Palme oder Eiche, nur nicht Das Schlingkraut zwischen den Zwei’n!
Ob Wahn, ob Wahrheit dein Panier! Wer löst’s, wem glaube dein Herz? Am Feuer der Treue läut’re dir Zu Gold unechtes Erz!
Wer trommelnd, trompetend mit uns geht, Der bessere Held ist’s nicht, Doch der, so fest zur Fahne steht, Wenn er kein Wort auch spricht.
Doch schmäht nicht den Mann, der, drüben itzt, Bei unsrer Fahn’ einst stund! Sein Blut, schon einst für uns verspritzt, Ein Siegel ist’s meinem Mund.
Ich sah auch Locken, braun und lang, Zu dünnem Schnee verwehn, Manch nervigen Arm, der das Schwert einst schwang, Betkügelchen zitternd drehn.
Ich sah’s, wie Fieber des Weisen Wort In Unsinns Gräuel zerbrach, Ich hörte den Thoren im Irrsinn dort, Der Perlen der Weisheit sprach.
Ich sah den Raufbold friedlich gemacht, Verwittert der Jugend Roth, Den Schwätzer zu ewigem Schweigen gebracht! Wer kann für Krankheit und Tod?
Will’s Gott, so lang ich gesund, erspäht Bei diesen Fahnen ihr mich! Wahr’s Gott, wenn ihr je mich drüben säht, Dann krank oder todt wär’ ich.
Denkt mein wie eines Todten dann; Es mag wohl bitter sein, Vorbeizugehn als lebend’ger Mann Am eignen Leichenstein.
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Interpretation
Das Gedicht "Apostasie" von Anastasius Grün thematisiert die Treue zu einer Sache und die Schwierigkeit, in Zeiten der Unsicherheit eine klare Position zu beziehen. Der Sprecher fordert den Adressaten auf, sich entschieden für eine Seite zu entscheiden und nicht hin und her zu schwanken. Er vergleicht Unentschlossenheit mit einer Fledermaus, die weder im Licht noch im Dunkeln zu Hause ist, und plädiert stattdessen für Standhaftigkeit wie eine Palme oder Eiche. Der zweite Teil des Gedichts reflektiert über die Vergänglichkeit und den Wandel der Menschen im Laufe ihres Lebens. Der Sprecher beschreibt, wie er einst starke und weise Männer sah, die im Alter schwach und senil wurden. Er erkennt an, dass Krankheit und Tod jeden treffen können, unabhängig von seiner früheren Stärke oder Weisheit. Der Sprecher betont, dass er nur dann seine Loyalität wechseln würde, wenn er krank oder tot wäre, und fordert die anderen auf, ihn dann wie einen Toten zu behandeln. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, als lebender Mann an seinem eigenen Grabstein vorbeizugehen, was die Bitterkeit und Traurigkeit eines solchen Verrats unterstreicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Als lebend’ger Mann Am eignen Leichenstein