Apollo und Minerva

Friedrich von Hagedorn

1732

An den Verfasser der Trauerspiele: die Horatier und Timoleon.

Mein Behrmann, den Geschmack und Witz und Redlichkeit Von niederträcht′gem Wahn entfernet, Den auch ein innrer Reichthum körnet, Der weder Wind noch Fluten scheut, Ermüde nicht, in lehrenden Gedichten Die deutschen Musen zu erfreun. Der Dünkel meistre dich; es mag die Thorheit richten; Nicht aber dich mit Witz und Kunst entzwein. Der Einfalt lächerliches Lachen Muß deine Seele nicht klein, träg′ und irdisch machen. Sei stets der Wahrheit hold, (sie nutzt vor tausend Sachen) Und schäme dich nicht, klug zu sein.

Die Fabel, die ich dich jetzt lehre, Zeigt unsers Pöbels Ekel an; Und dennoch bleibt es wahr: Ein reicher, weiser Mann Ist zwiefach seiner Eltern Ehre.

Der Gott der Aerzt′ und der Poeten Und Pallas wurden einst vom Himmel weggebannt, Die Ursach′ ist noch unbekannt, Und scheint zu wissen nicht vonnöthen.

Als dieses Paar die Welt betrat, Beriethen beide sich, was bestens anzufangen? Apollo sprach: Ich schaffe Rath, Mein Lebensöl muß Brod erlangen. Minerva rief frohlockend aus: Auch meiner Kunst bedarf ein jedes Haus.

Man waget den Versuch, und baut im nächsten Orte Zwo große Storgerbühnen auf. Apollo hat, als Arzt, viel Herrliches zu Kauf, Und rühmet, was er hat, durch ausgesuchte Worte. Sein Wunderelixir, das alte Haut verjüngt, Den ächten Theriac, die besten Augensalben, Ein Oel, das jede Krankheit zwingt, Und Apotheken g′nug, zu ganzen und zu halben.

Die Tochter Jupiters nahm Seelen in die Cur, Sie sprach: Mein Gegengift wehrt allen Vorurtheilen, Mein Weisheitbalsam ist die Stärkung der Natur; Er kann den schlimmsten Schaden heilen: Des Aberglaubens Krebs, der viele Lehrer plagt, Die Ueppigkeit, die Zehrung ganzer Reiche, Den Wurm des Widerspruchs, der Haubt und Zunge nagt, Den Neid, der kleinen Geister Seuche.

Die Mittel, die ich zubereite, Vertreiben ungesäumt der Schwätzer Lügensucht, Und die Vergessenheit, des rohen Undanks Frucht, Die Taubheit und den Kropf, die Krankheit großer Leute, Des Geizes Höllendurst, der Einfalt Eigensinn, Den tilg′ ich wundersam; so wahr ich Pallas bin! Auch nehm′ ich die Bezahlung nur Nach glücklich angeschlagner Cur.

Apollo machte fleißig Kunden, Die arme Pallas hatte Ruh′. Nur ihm warf man das Schnupftuch zu, Er rieth den Kranken und Gesunden.

Wo wird die Weisheit Kranke finden? Ein jeder hält sich schon für klug, Bescheiden, liebreich, fromm genug. Der Hochmuth hilft ihm schon zu Gründen.

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Illustration zu Apollo und Minerva

Interpretation

Das Gedicht "Apollo und Minerva" von Friedrich von Hagedorn ist eine satirische Fabel, die die Vorliebe des Volkes für oberflächliche Heilmittel und den Mangel an Weisheit kritisiert. Die beiden Göttinnen Apollo und Minerva werden vom Himmel verbannt und müssen in der Welt ihren Lebensunterhalt verdienen. Apollo eröffnet als Arzt eine Praxis und bietet verschiedene Medikamente an, während Minerva als Seelenheilerin Weisheit und Tugend verkauft. Doch während Apollo viele Kunden anzieht, wird Minerva ignoriert, da die Menschen glauben, bereits weise und tugendhaft zu sein. Das Gedicht zeigt, wie die Menschen lieber schnelle Lösungen für ihre Probleme suchen, anstatt sich mit Weisheit und Tugend auseinanderzusetzen. Das Gedicht ist eine Kritik an der Oberflächlichkeit und dem Mangel an Weisheit in der Gesellschaft. Hagedorn nutzt die Fabel, um zu zeigen, wie die Menschen lieber schnelle Lösungen für ihre Probleme suchen, anstatt sich mit Weisheit und Tugend auseinanderzusetzen. Apollo, der Gott der Ärzte und Dichter, wird als erfolgreicher Heiler dargestellt, der verschiedene Medikamente anbietet. Im Gegensatz dazu wird Minerva, die Göttin der Weisheit, ignoriert, da die Menschen glauben, bereits weise und tugendhaft zu sein. Das Gedicht zeigt, wie die Menschen lieber oberflächliche Heilmittel suchen, anstatt sich mit den tieferen Ursachen ihrer Probleme auseinanderzusetzen. Das Gedicht ist auch eine Kritik an der menschlichen Natur und der Tendenz, sich selbst für weise und tugendhaft zu halten. Hagedorn zeigt, wie die Menschen lieber schnelle Lösungen für ihre Probleme suchen, anstatt sich mit Weisheit und Tugend auseinanderzusetzen. Das Gedicht ist eine Erinnerung daran, dass Weisheit und Tugend nicht selbstverständlich sind und dass wir uns ständig bemühen müssen, sie zu erlangen. Es ist auch eine Erinnerung daran, dass wir uns nicht zu sehr auf oberflächliche Heilmittel verlassen sollten, sondern uns stattdessen auf die tieferen Ursachen unserer Probleme konzentrieren sollten.

Schlüsselwörter

pallas apollo witz kunst einfalt muß klug wahr

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Wortwolke zu Apollo und Minerva

Stilmittel

Alliteration
Die Fabel, die ich dich jetzt lehre
Anspielung
Die Tochter Jupiters
Enjambement
Als dieses Paar die Welt betrat, Beriethen beide sich, was bestens anzufangen?
Hyperbel
Ein reicher, weiser Mann Ist zwiefach seiner Eltern Ehre
Ironie
Wo wird die Weisheit Kranke finden?
Kontrast
Apollo hat, als Arzt, viel Herrliches zu Kauf, Und rühmet, was er hat, durch ausgesuchte Worte
Metapher
Des Geizes Höllendurst
Parallelismus
Des Aberglaubens Krebs, der viele Lehrer plagt, Die Ueppigkeit, die Zehrung ganzer Reiche
Personifikation
Der Dünkel meistre dich
Rhetorische Frage
Wo wird die Weisheit Kranke finden?
Symbolik
Apollos Wunderelixir