Apollo, ein Hirte

Friedrich von Hagedorn

1731

Mein Herz gleicht den zufriednen Herzen, Die Lieb′ und freier Muth belebt, Die gern in sichrer Ruhe scherzen, Wann rauschend Glück den Stolz erhebt. Die Ehre gönn′ ich größern Leuten, Und wünsche mir auf dieser Welt Nur den Genuß der Zärtlichkeiten, Die Neid und Argwohn nicht vergällt.

Was liebenswürdig ist, zu lieben, Hat uns die paarende Natur Mit unserm Blut ins Herz geschrieben, Und das entfällt dem Alter nur. Erfinder weiser Schwermuthsgründe! Wenn man bei eurem Klügeln lacht, So rechnet′s der Natur zur Sünde, Daß sie die Lust so reizend macht.

Verdruß und Tadel zu verhüten, Will ich mich unbemerkt erfreun; Nicht viel gehorchen noch gebieten, Kein Sklav′ und auch kein König sein; Nicht blos mit Schein und Farben prangen, Die nur der Pöbel trefflich heißt; Kurz: wenig fürchten und verlangen, Dies ganz allein rührt meinen Geist.

Als einsten Phöbus von dem Himmel Gezwungen seinen Abschied nahm, Und aus der Oberwelt Getümmel Zu seinem Freund Admetus kam; Da wählt′ er sich ein freies Leben, Den angenehmen Schäferstand, Den Sicherheit und Fried′ umgeben, Der Neid und Herrschsucht nie gekannt.

Hier konnt′ er, zwischen Wald und Flüssen, Der Ruhe Herz und Lieder weihn. Er konnte dichten, lachen, küssen: Bedarf man mehr, vergnügt zu sein? Der Gott vergaß, bei muntern Chören, Wann ihm ein holder Mund gefiel, Die stolze Harmonie der Sphären, Doch nicht sein sanftes Saitenspiel.

Die besten Lämmer auf den Feldern, Die süß′ste Milch, den schönsten Strauß, Die erste Frucht aus nahen Wäldern Las man für diesen Fremdling aus. Man fodert ihn zu allen Reihen; Kein Tanz schien artiger geziert, Als den er nach den Feldschalmeien Mit einer Hirtin aufgeführt.

Oft ward im Busch, bei ihren Schafen, Ein müdes Kind von ihm entdeckt, Und, wann sie lächelnd eingeschlafen, Von ihm bewacht, von ihm geweckt. Oft wollten, um ihn zu gewinnen, Ihm andre froh entgegen gehn, Dann schalkhaft seiner Hand entrinnen, Dann wieder ihm zur Seite stehn.

Er hörte manche Hirtin sagen: Dem Phöbus sei zu viel geschehn, Und Göttern etwas abzuschlagen Sei auch an keiner Daphne schön: Aus Eigensinn zum Baume werden, Wann treue Sehnsucht uns erschleicht, Das sei die schlimmste Wahl auf Erden, Der keine sonst an Thorheit gleicht.

Dem Phöbus gab ein neu Ergötzen, Was man zu ihm vom Phöbus sprach, Das er mit schmeichelhaften Sätzen Von Scherz und Regung unterbrach. Man merkte sich die Götterlehre: Ein jeder liebte, ward geliebt, Und fand, daß nichts die Lust vermehre, Die Eintracht, Lenz und Dichtkunst gibt.

So flohen ihn Gefahr und Sorgen, Und so entzückte seine Brust Ein frischer Scherz mit jedem Morgen, Mit jedem Abend neue Lust. Er dachte bei den Wasserfällen: Den Nectar, Götter! lass′ ich euch. Was ist im Himmel diesen Quellen, Was dieser Phyllis Busen gleich?

Der bärt′ge Zeus ersah die Freude. Und des vergnügten Flüchtlings Glück; Und er berief, aus bitterm Neide, Ihn zeitig von der Welt zurück. Dies lehrt uns, daß die frohe Stille, Die Jugend, Witz und Kuß vereint, Das Herz mit solcher Lust erfülle, Die Götter selbst zu reizen scheint.

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Illustration zu Apollo, ein Hirte

Interpretation

Das Gedicht "Apollo, ein Hirte" von Friedrich von Hagedorn handelt von der Sehnsucht nach einem einfachen, freien und liebevollen Leben, fernab von Ehrgeiz und gesellschaftlichen Zwängen. Der Sprecher preist die Zufriedenheit eines Hirtenlebens, das von Naturverbundenheit, Zärtlichkeit und unbeschwertem Genuss geprägt ist. Er wendet sich gegen die Ideale von Macht und Ansehen und plädiert stattdessen für ein Dasein, das von innerem Frieden, gegenseitiger Zuneigung und der Schönheit des Augenblicks erfüllt ist. Die zentrale Erzählung beschreibt, wie der Gott Apollon aus dem Olymp vertrieben wird und sich als Hirte auf Erden niederlässt. Hier findet er eine neue Erfüllung in der Einfachheit des Landlebens, in der Liebe zu den Hirtenmädchen, im Dichten und Musizieren. Der Mythos wird umgedeutet: Statt als göttlicher Herrscher genießt Apollon nun die kleinen Freuden des Alltags und vergisst für einen Moment seine himmlische Pflicht. Die Harmonie der Sphären tritt hinter der unmittelbaren, sinnlichen Erfahrung zurück. Doch das Glück währt nicht ewig. Aus Neid und Missgunst zieht Zeus Apollon wieder in den Himmel zurück. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass ein Leben voller Jugend, Witz und Liebe – verbunden mit der Freiheit des Hirten – eine solche Freude bereitet, dass selbst die Götter davon herausgefordert werden. Es ist eine poetische Verherrlichung des einfachen, naturnahen Lebens und eine Kritik an den Zwängen und Verlockungen der höheren Gesellschaft.

Schlüsselwörter

herz wann lust phöbus kein gleicht ruhe glück

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Stilmittel

Alliteration
Zärtlichkeiten, Die Neid und Argwohn nicht vergällt
Hyperbel
Die Ehre gönn ich größern Leuten
Metapher
Götter selbst zu reizen scheint
Personifikation
paarende Natur