Anziehender Schauder
Schau dieses Himmels fahle Seltsamkeiten,
Wie dein Geschick zerrissen, wunderlich,
Was mag durch deine leere Seele gleiten,
Was fühlst du bei dem Anblick? Wüstling, sprich.
Ich fühle Gier nach wirren Dunkelheiten,
Nach Qual und Ungewissheit lechze ich,
Doch nicht voll Jammer starr ich in die Weiten,
Wie einst Ovid, da Rom für ihn erblich.
Ihr wild zerrissnen, grauen Himmelsräume,
Ihr seid, wie ich, von Trotz und Stolz erfüllt!
Und eure Wolken trauerflorumhüllt,
Es sind die Leichenwagen meiner Träume,
Von eurem Schein geht fremdes Leuchten aus,
Ein Glanz der Hölle, wo mein Herz zu Haus.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Anziehender Schauder“ von Charles Baudelaire entfaltet eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der eigenen Seele und den dunklen Sehnsüchten, die diese beherrschen. Es ist ein Ausdruck von Melancholie und einer Faszination für das Unheimliche, das Baudelaire so meisterhaft in seinen Werken darzustellen wusste. Das Gedicht beginnt mit einer direkten Ansprache an den Leser, der aufgefordert wird, die „fahle Seltsamkeiten“ des Himmels zu betrachten. Diese Eröffnung setzt den Ton für eine Untersuchung des inneren Zustands des lyrischen Ichs und dessen Beziehung zur äußeren Welt.
Die ersten beiden Strophen des Gedichts zeichnen das Bild einer Seele, die von einer unstillbaren Sehnsucht nach dem Düsteren und Unbekannten getrieben wird. Das lyrische Ich verspürt eine „Gier nach wirren Dunkelheiten“ und sehnt sich nach „Qual und Ungewissheit“. Dieser Drang nach Negativität ist jedoch nicht von passivem Jammer geprägt. Im Gegenteil, die Seele scheint stolz und rebellisch zu sein, im Einklang mit der „Trotz“ und dem „Stolz“ des Himmels, den das Gedicht beschreibt. Die Anspielung auf Ovid, der ins Exil geschickt wurde, deutet auf eine Weigerung hin, sich dem Schicksal zu ergeben oder in Selbstmitleid zu versinken.
In den letzten beiden Versen des Gedichts vollzieht sich eine bemerkenswerte Wandlung. Die „wild zerrissnen, grauen Himmelsräume“ werden zu einer Projektionsfläche für die Träume des lyrischen Ichs, die als „Leichenwagen“ dargestellt werden. Diese Metapher offenbart eine dunkle Ästhetik, in der der Tod und das Verhängnis nicht als abschreckend, sondern als anziehend empfunden werden. Der „fremde Glanz“ aus den Wolken, der „Glanz der Hölle“, wird zum Zuhause des Herzens des lyrischen Ichs.
Das Gedicht ist somit eine Erkundung der menschlichen Psyche, die sich mit dem Abgrund des eigenen Wesens auseinandersetzt. Baudelaire schafft es, die Faszination des lyrischen Ichs für das Unheimliche, die Dunkelheit und die Melancholie einzufangen. Die Verwendung von Bildern wie „wirren Dunkelheiten“, „Leichenwagen“ und „Glanz der Hölle“ erzeugt eine düstere und beklemmende Atmosphäre, die den Leser in den Bann zieht und zum Nachdenken über die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele anregt. Das Gedicht ist ein typisches Beispiel für Baudelaires Werk, das die dunklen Seiten der menschlichen Existenz erforscht.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.