Antworten bei einem gesellschaftlichen Fragespiel
1821Was ein weiblich Herz erfreue In der klein- und großen Welt? Ganz gewiß ist es das Neue, Dessen Blüte stets gefällt; Doch viel werter ist die Treue, Die auch in der Früchte Zeit, Noch mit Blüten uns erfreut.
Paris war, in Wald und Höhlen, Mit den Nymphen wohl bekannt, Bis ihm Zeus, um ihn zu quälen, Drei der Himmlischen gesandt; Und es fühlte wohl im Wählen, In der alt und neuen Zeit, Niemand mehr Verlegenheit.
Geh den Weibern zart entgegen, Du gewinnst sie, auf mein Wort; Und wer rasch ist und verwegen, Kommt vielleicht noch besser fort; Doch wem wenig dran gelegen Scheinet, ob er reizt und rührt, Der beleidigt, der verführt.
Vielfach ist der Menschen Streben, Ihre Unruh′, ihr Verdruß; Auch ist manches Gut gegeben, Mancher liebliche Genuß; Doch das größte Glück im Leben Und der reichlichste Gewinn Ist ein guter, leichter Sinn.
Wer der Menschen töricht Treiben Täglich sieht und täglich schilt, Und, wenn andre Narren bleiben, Selbst für einen Narren gilt, Der trägt schwerer als zur Mühle Irgendein beladen Tier. Und, wie ich im Busen fühle, Wahrlich! so ergeht es mir.
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Interpretation
Das Gedicht "Antworten bei einem gesellschaftlichen Fragespiel" von Johann Wolfgang von Goethe ist ein kunstvoller und vielschichtiger Text, der sich mit den Themen Liebe, Treue, menschliches Verhalten und Lebensweisheit auseinandersetzt. Goethe nutzt dabei eine klare, leicht verständliche Sprache, die dennoch tiefgründige Einsichten vermittelt. Das Gedicht beginnt mit einer Betrachtung darüber, was ein weibliches Herz erfreut. Hierbei betont Goethe die Bedeutung des Neuen, das mit seiner blühenden Schönheit zunächst anzieht. Doch er stellt schnell klar, dass die Treue weit mehr wert ist, da sie auch in der "Früchte Zeit" noch mit "Blüten" erfreut. Dieses Gleichnis verdeutlicht, dass die anfängliche Anziehungskraft des Neuen vergänglich ist, während die Beständigkeit der Treue eine dauerhafte Freude bereitet. Im zweiten Abschnitt greift Goethe die Sage von Paris und den drei Göttinnen auf, um die Schwierigkeit der Wahl zwischen verschiedenen attraktiven Optionen zu illustrieren. Er deutet an, dass selbst in der Antike und in der Neuzeit niemand mehr Verlegenheit empfunden hat als Paris bei seiner Entscheidung. Dies unterstreicht die universelle Natur der menschlichen Unsicherheit und die Herausforderungen, die mit wichtigen Entscheidungen einhergehen. Die folgenden Strophen bieten Ratschläge für den Umgang mit Frauen und reflektieren über menschliche Bestrebungen und Unzufriedenheit. Goethe plädiert für eine zarte Annäherung, erkennt aber auch an, dass ein rascher und verwegener Ansatz manchmal erfolgreicher sein kann. Er warnt jedoch davor, Desinteresse vorzutäuschen, da dies beleidigend oder verführend wirken kann. Das Gedicht schließt mit der Feststellung, dass ein "guter, leichter Sinn" das größte Glück im Leben und der reichhaltigste Gewinn ist. Goethe beklagt die Last derer, die das törichte Treiben der Menschen täglich sehen und kritisieren, und deutet an, dass auch er selbst von dieser Last betroffen ist. Dies zeigt eine tiefe Empathie für die menschliche Natur und die Herausforderungen des Lebens.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Was ein weiblich Herz erfreue
- Anspielung
- Paris war, in Wald und Höhlen, Mit den Nymphen wohl bekannt
- Hyperbel
- Der trägt schwerer als zur Mühle Irgendein beladen Tier
- Kontrast
- Doch viel werter ist die Treue, Die auch in der Früchte Zeit, Noch mit Blüten uns erfreut
- Metapher
- Doch viel werter ist die Treue, Die auch in der Früchte Zeit, Noch mit Blüten uns erfreut.
- Parallelismus
- Geh den Weibern zart entgegen, Du gewinnst sie, auf mein Wort; Und wer rasch ist und verwegen, Kommt vielleicht noch besser fort
- Personifikation
- Doch viel werter ist die Treue