Antike Poesie

Eduard Mörike

1804

Ich sah den Helikon in Wolkendunst, Nur kaum berührt vom ersten Sonnenstrahle: Schau! Jetzo stehen hoch mit einem Male Die Gipfel dort in Morgenrötebrunst.

Hier unten spricht von keuscher Musen Gunst Der heilge Quell im dunkelgrünen Tale; Wer aber schöpft mit reiner Opferschale, Wie einst, den echten Tau der alten Kunst?

Wie? soll ich endlich keinen Meister sehn? Will keiner mehr den alten Lorbeer pflücken? - Da sah ich Iphigeniens Dichter stehn:

Er ist′s, an dessen Blick sich diese Höhn So zauberhaft, so sonnewarm erquicken. Er geht, und frostig rauhe Lüfte wehn.

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Interpretation

Das Gedicht "Antike Poesie" von Eduard Mörike beschreibt die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach der wahren, reinen Poesie der Antike. Der erste Teil des Gedichts malt eine eindrucksvolle Szenerie: Der Helikon, der Berg der Musen, erscheint zunächst in Wolkendunst, bevor er schließlich in der Morgenröte erstrahlt. Dies symbolisiert die schwer fassbare Natur der antiken Poesie und ihre plötzliche, inspirierende Wirkung. Im zweiten Teil wendet sich der Blick nach unten, zum heiligen Quell der Musen im dunklen Tal. Dieser Quell steht für die Quelle der Poesie und Inspiration. Doch das lyrische Ich fragt sich, wer noch immer mit reiner Opferschale den echten Tau der alten Kunst schöpft. Dies drückt die Sorge aus, dass die wahre, unverfälschte Poesie der Antike verloren gegangen ist und von niemandem mehr gepflegt wird. Im letzten Teil des Gedichts wendet sich das lyrische Ich direkt an den Leser und stellt die Frage, ob es wirklich keinen Meister mehr gibt, der den Lorbeer der Poesie pflücken will. Doch dann erscheint der Dichter der Iphigenie, vermutlich Johann Wolfgang von Goethe, der das lyrische Ich in seiner Sehnsucht nach der antiken Poesie bestärkt. Mit seinem zauberhaften, sonnenwarmen Blick belebt er die Höhen des Helikon und lässt sie erblühen. Doch als er geht, weht eine frostig raue Luft, was darauf hindeutet, dass die Inspiration und die Verbindung zur antiken Poesie vergänglich sind und schnell wieder verfliegen können.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
von keuscher Musen Gunst
Metapher
an dessen Blick sich diese Höhn So zauberhaft, so sonnewarm erquicken
Personifikation
frostig rauhe Lüfte wehn
Rhetorische Frage
Will keiner mehr den alten Lorbeer pflücken?