Anrede
1932Ich atme Dich mit Sehnsucht, süßer Duft. Wo Du verschwebst, ging aller Frühling enden, Wo Du verhauchst, da weht von Schatten-Wänden Herbstlichen Atems die bereifte Luft.
Ich schmecke Dich mit Andacht, edles Brot. Wo Du gebrichst, gebricht es aller Fülle, Wo Du ausgehst, da steigt aus ihrer Hülle Von Überfluß die ungemeßne Not.
Ich fühle Dich mit Angst, geliebter Leib. Die Dich verlor, die Hand, wird irrer Schwere Tasten ringsum und tasten in die Leere Nach allen Dings unfaßbarem Verbleib.
Ich höre Dich, o naher Stimme Sang. Wo Du verstummst, wird jeder Laut in Schweigen Hinsterben und vergeblich tief im Neigen Das Ohr sich mühn nach einem kleinen Klang.
Ich sehe Dich mit Inbrunst, großes Licht, Geleucht der Weite, Glanz aus tausend Fernen. Wo Du verbleichst, kehrt unter blinden Sternen In Dunkel das verlöschende Gesicht.
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Interpretation
Das Gedicht "Anrede" von Maria Luise Weissmann ist eine leidenschaftliche Ode an eine geliebte Person, die als unverzichtbarer Bestandteil des Lebens dargestellt wird. Durch die fünf Sinne – Atem, Geschmack, Gefühl, Hören und Sehen – wird die tiefe Verbundenheit und Abhängigkeit des lyrischen Ichs von der geliebten Person ausgedrückt. Jeder Sinn wird mit einer spezifischen Metapher verbunden, die die Bedeutung der geliebten Person für das Leben des lyrischen Ichs unterstreicht. Die Struktur des Gedichts folgt einem konsistenten Muster, wobei jeder Vers eine andere Facette der Beziehung beleuchtet. Die Verwendung von Naturbildern wie Frühling, Herbst, Brot und Licht verstärkt die universelle Bedeutung der Liebe und ihre Auswirkungen auf das Leben. Die Bilder von Verlust und Leere, die auftauchen, wenn die geliebte Person abwesend ist, betonen die tiefe emotionale Abhängigkeit und die existenzielle Bedrohung, die ein solcher Verlust darstellen würde. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine intensive emotionale Erfahrung der Liebe und des Verlusts. Die Wiederholung des Musters in jedem Vers verstärkt die Intensität der Gefühle und unterstreicht die umfassende Natur der Liebe, die alle Aspekte des Lebens durchdringt. Die abschließende Zeile, in der das Gesicht unter blinden Sternen in Dunkelheit versinkt, symbolisiert den ultimativen Verlust und die tiefe Verzweiflung, die damit einhergehen würde.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- [Herbstlichen Atems die bereifte Luft Von Überfluß die ungemeßne Not Die Dich verlor, die Hand, wird irrer Schwere Tasten ringsum und tasten in die Leere Nach allen Dings unfaßbarem Verbleib Das Ohr sich mühn nach einem kleinen Klang Geleucht der Weite, Glanz aus tausend Fernen In Dunkel das verlöschende Gesicht]
- Hyperbel
- [Wo Du verschwebst, ging aller Frühling enden Wo Du gebrichst, gebricht es aller Fülle Wo Du ausgehst, da steigt aus ihrer Hülle Von Überfluß die ungemeßne Not Wo Du verstummst, wird jeder Laut in Schweigen Wo Du verbleichst, kehrt unter blinden Sternen In Dunkel das verlöschende Gesicht]
- Metapher
- [Ich atme Dich mit Sehnsucht, süßer Duft. Ich schmecke Dich mit Andacht, edles Brot. Ich fühle Dich mit Angst, geliebter Leib. Ich höre Dich, o naher Stimme Sang. Ich sehe Dich mit Inbrunst, großes Licht]
- Personifikation
- [Wo Du verschwebst, ging aller Frühling enden Wo Du verhauchst, da weht von Schatten-Wänden Wo Du gebrichst, gebricht es aller Fülle Wo Du ausgehst, da steigt aus ihrer Hülle Wo Du verstummst, wird jeder Laut in Schweigen Wo Du verbleichst, kehrt unter blinden Sternen]