Anno Domini...?

Ferdinand Freiligrath

1835

Hört mich, Kleingläubige! - wie vormals im Gefilde Der Marne bei Chalons die Sünderin Brunhilde Durch Knechte binden ließ mit ihrem grauen Haar An einen wilden Hengst, daß an dem dichten Schweife Er galoppirend sie durch´s Frankenlager schleife, Der Sohn des Chilperich, der andere Chlotar;

Der Hengst riß wiehernd aus; die Hinterhufe schlugen Das nachgeschleppte Weib, verrenkt in seinen Fugen Ward jedes Glied an ihr; um ihr entstellt Gesicht Flog ihr gebleichtes Haar; die spitzen Steine tranken Ihr königliches Blut, und schaudernd sahn die Franken Chlotars, des Zürnenden, erschrecklich Strafgericht;

Jetzt auf ihr Antlitz, das blutrünst´ge, fiel der rothen Wachtfeuer Glut, die da vor jedem Zelte loh´ten; Jetzt wusch mit eis´gem Guß den Staub von ihrer Stirn Ein Arm des Marnestroms; weit vorgequollen stierte Ihr Aug´, und das Kameel, drauf man sie Morgens führte Durch´s ganze Heer, ward jetzt bespritzt von ihrem Hirn:

So wird dereinst, hört mich, ihr Kalten und Verständ´gen, Der Herr ein feurig Roß, das flammend in unbänd´gen Courbetten schießt durch den Abgrund des Raumes hin, Den feurigsten von den Kometen wird er senden, Und wird an dessen Schweif mit seines Zornes Händen Die Erde fesseln, die bejahrte Sünderin.

Aus ihrer Bahn, die sie sklavisch hat wandeln müssen Vom Anbeginn, wird sie durch seine Kraft gerissen; Sie muß ihm folgen als Trabant; tief in den Raum Schleift er sie mit sich fort; er schnaubt, und Funken sprühen Durch´s All; sein Schweif durchweht es stolz; denn mit sich ziehen Die Erde darf er - Gott verhängte seinen Zaum.

Wer hält den Rasenden? - die Sonne tritt zurücke, Und steht zuletzt so fern, daß sie nicht Eines Blicke Mehr sichtbar ist; dann wird es kalt und finster sein, Und jezuweilen nur, wenn sie den Grenzen neuer, Entfernter Sonnen nahn, wird, wie des Lagers Feuer Dem Antlitz der Brunhild, so dieser Sonnen Schein

Dem zuckenden Gesicht der Erde, der halbtodten, Ein flackernd, gräßlich Licht zuwerfen; im blutrothen Gewande steht alsdann der Himmel; siedend zischt Die See. Vorüber schießt der Wilde, von der Hitze Gejagt. Nacht folgt auf´s Neu dem momentanen Blitze; Schwarz wird die Erde, gleich der Kohle, die erlischt,

Und bebt vor Kälte; bis, wenn lange Zeit verronnen, Sie wieder deine Glut fühlt, mildeste der Sonnen, Einst ihre Mutter du! Bei deinem ersten Strahl Zuckt sie vor Lust; das Eis zerschmilzt, die Quellen rinnen Wie Freudenthränen; doch zum andern Mal von hinnen Reißt sie das Flammenroß, und neu wird ihre Qual.

Doch endlich wird geleert sein deines Zornes Schale, O Herr! - du winkst! - sie brennt! sie glüht zum ersten Male In eignem Licht, doch ist es eines Dochtes Brand, Der sich durch Glühn verzehrt. Die Schöpfung sieht mit Staunen Das Sterben einer Welt; alsdann hört man Posaunen, Und die Wagschale schwebt in des Weltrichters Hand.

Ein Flammengürtel blitzt und wallt von Pol zu Pole; Die Berge stürzen sich mit Zischen in die Soole Des Meers; bis an den Mond weht Lohe, Schaum und Rauch; Und - doch, dann will ich mich empor im Grabe richten, Und will, wenn ich es kann, dies Lied zu Ende dichten - Ich zittre; mit der Hand bedeck´ ich Stirn und Aug´.

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Illustration zu Anno Domini...?

Interpretation

Das Gedicht "Anno Domini...?" von Ferdinand Freiligrath ist eine apokalyptische Vision, die die Endzeit und das Jüngste Gericht beschreibt. Der Dichter verwendet das Motiv der Sage von Brunhilde, einer sündigen Königin, die von ihren Söhnen als Strafe durch ein wildes Pferd durch das Lager geschleift wird, als Allegorie für die Erde, die als "bejahrte Sünderin" von Gott in einer ähnlichen Weise bestraft wird. Freiligrath beschreibt, wie Gott die Erde an einen "flammenden Hengst", einen der heißesten Kometen, fesselt und durch den Raum schleift. Die Erde wird aus ihrer Bahn gerissen und muss dem Kometen als Trabant folgen. Der Dichter schildert die furchtbaren Auswirkungen dieser Bestrafung: Die Erde wird extremen Hitze- und Kälteeinbrüchen ausgesetzt, die Sonne tritt in den Hintergrund, und die Erde wird von Eis und Feuer gepeinigt. Am Ende des Gedichts beschreibt Freiligrath die finale Zerstörung der Erde: Sie verbrennt in einem "Flammengürtel", die Berge stürzen in die See, und es herrscht ein apokalyptisches Chaos. Der Dichter zittert bei dem Gedanken an dieses Szenario und möchte sein Lied zu Ende dichten, auch wenn er es nicht mehr hören kann, da er sich im Grab befindet. Das Gedicht endet mit einem Verweis auf das Jüngste Gericht und die Wagschale des Weltrichters.

Schlüsselwörter

erde hört sonnen sünderin haar hengst dichten ward

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Stilmittel

Alliteration
Hört mich, Kleingläubige! - wie vormals im Gefilde
Anspielung
wie vormals im Gefilde Der Marne bei Chalons die Sünderin Brunhilde
Bildsprache
Die Sonne tritt zurücke, Und steht zuletzt so fern
Hyperbel
Ein Flammengürtel blitzt und wallt von Pol zu Pole
Kontrast
Jetzt wusch mit eis´gem Guß den Staub von ihrer Stirn
Metapher
Der Herr ein feurig Roß
Personifikation
Die Berge stürzen sich mit Zischen in die Soole
Symbolik
Der Sohn des Chilperich, der andere Chlotar
Vergleich
gleich der Kohle, die erlischt
Wiederholung
sie brennt! sie glüht zum ersten Male