Angst
1894O wie ist diese Nacht so schwer, Und wie hangen die Wolken so tief. Warum stöhnen die sanften Tiere, Bluten laubdunkle Bäume, Seufzt in jedem Winkel der Tod? Wo sind die blassen Engel geblieben Und die zittergoldenen Sterne? Ist Gott gestorben? O, diese Nacht ist tausend Jahre schwer.
Auf der Brücke geht noch mit hastigen Schritten ein Mann. Er wird zu spät kommen -
In der Mansarde salbt der junge Priester Den Mund der Sterbenden. Eine schwarze Blume wächst furchtbar in ihre Fieber, Aber selig umglänzt der Mond ihre Wangen.
In meinem Zimmer knistert die Kerze. Schmächtige Schatten steigen aus den Wänden: Leben, die ich gelebt habe und vergaß. Ein Gesicht weint lange in meinen Händen.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Angst" von Francisca Stoecklin thematisiert die tiefgreifende Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit einer schicksalhaften Nacht. Die Atmosphäre ist von schwerer, erdrückender Dunkelheit geprägt, die durch die tief hängenden Wolken und das Stöhnen der Tiere verstärkt wird. Die Natur selbst scheint zu leiden, mit blutenden Bäumen und dem Tod, der in jeder Ecke zu hören ist. Die Frage nach dem Verbleib der Engel und Sterne sowie die existenzielle Frage nach Gottes Tod unterstreichen die tiefe spirituelle Krise und das Gefühl der Verlassenheit. In der zweiten Strophe wird die Szene auf eine Brücke verlagert, wo ein Mann mit hastigen Schritten geht, was auf Eile und möglicherweise auf die Flucht vor der bedrückenden Atmosphäre hindeutet. Gleichzeitig findet in einer Mansarde ein Sterbeprozess statt, bei dem ein junger Priester den Mund der Sterbenden salbt. Die "schwarze Blume", die in ihrem Fieber wächst, symbolisiert den Tod und das Leid, doch der Mond, der ihre Wangen selig umglänzt, bringt einen Hauch von Frieden und Erlösung in diese düstere Szene. Die letzte Strophe spielt im Zimmer des lyrischen Ichs, wo eine Kerze knistert und schmächtige Schatten aus den Wänden steigen. Diese Schatten repräsentieren vergangene Leben und Erinnerungen, die das Ich vergessen hat. Das Weinen eines Gesichts in den Händen des Ichs deutet auf tiefe Trauer und das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit hin. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Einsamkeit und der Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bild
- Auf der Brücke geht noch mit hastigen Schritten ein Mann
- Frage
- Ist Gott gestorben?
- Hyperbel
- O, diese Nacht ist tausend Jahre schwer
- Metapher
- Leben, die ich gelebt habe und vergaß
- Onomatopoesie
- In meinem Zimmer knistert die Kerze
- Personifikation
- Ein Gesicht weint lange in meinen Händen