Andre Welt

Ludwig Eichrodt

unknown

Hatte einen Freund vor Jahren, Eine feste edle Seele, Aber in der alten Welt Konnt er nimmer Ruhe finden.

Uebers Meer ist er gefahren, Zu den thatenreichen Menschen, Drüben in Amerika, Drüben in dem Reich der Zukunft

Und er folgt dem kühnen Banner, Das des Nordens Heldensöhne Tragen unter ewgem Sieg In die Mexikanerberge.

Durch die reichen Tropenstädte Wandelt er mit stolzen Schritten In dem Kleid der Republick, Und es jauchzt ihm zu die Sonne.

Durch die heißen Kaktuswälder, Durch die Schluchten thierbevölkert, Durch die Stromgewässer wild Wird der Tapfre staunend schreiten.

Und sein Herz wird kühner schlagen Auf den sieggewohnten Märschen, Ueber sich der Berge Stern, Den beschneiten Orizawa.

Um und um die ewgen Berge, Wie aus glühem Erz gegossen, In der tausendfarbgen Pracht Wird die Heimath er vergessen.

Wenn er schaut zu beiden Seiten Gleich geschmolznen Diamanten Den gewaltgen Ocean, Wird der Heimath er gedenken.

Wenn er schaut die Sonne tauchen Groß und blutig in die Esse Des unendlich weiten Meers Und sein Auge Thränen füllen.

Wenn die Nacht die dämmervolle Niedersinkt ins Thal der Blumen, Und der ungeheure Mond Seine blauen Lichter sendet.

Wo die Blüthenbäume tanzen Und die Quellen aufwärts strömen, Drein die Millionenschaar Süßer Sänger musiziret.

Wo ihn grüßen andre Sterne, Zaubergroße, blitzeschleudernd, Und der Himmel golden schwarz Seine Sinnen überwältigt.

Wenn er dann hinab die Thäler Zu den schönen Menschen steiget, Zu der Mädchen ewgem Tanz In die Hütten von Puebla.

Wenn die weichen Blumenarme Und die süßen hellen Stimmen Mit dem niegeträumten Reiz Ihn umtaumeln und umscherzen.

Wenn ihm die Gazellenaugen Klug und seltsam, scheu und lüstern, Dringen bis ans tiefste Herz, Schauen auf den Grund der Seele.

Wahrlich wenn er eines Tages Ueberrascht wird unversehens Von dem herrlichen Roman, Den er hier - vielleicht geschrieben.

Oder wenn zur Zeit der Regen Schrecklicher als Schlachtendonner Alle Thäler widerhalln, Baum und Berg in Fluthen stürzen.

Wenn die Hochgewitter rollen Ueber öden Felsgebirgen, Aufgescheucht der Adler kreischt, Und der Leu des Urwalds brüllet.

Wenn die Feuerkegel speien, Wenn die Meteore sausen, Wenn der Erde Kern erbebt, So daß dumpf das Weltmeer aufrauscht -

Da wird seine starke Seele Schauernd jubeln zu den Schrecken; Bei der Schönheit Wechselspiel Auf der Wonne Gipfel rasen.

Ha! ich wills ihm nicht verdenken, Wenn er lange wird vergessen, Seine Bücher, seinen Freund, Und die deutsche Muttererde.

Und ist er im Kampf gefallen, In der stolzen Schlacht des Ruhmes, Hab ich keine Klag um ihn, Besser werd ich wohl nicht sterben.

In den holden Wunderdüften Webet seine freie Seele, Und um seine Leiche klingt Ewig Lied der Urwaldsänger.

Palmen werden ihn umrauschen, Kühne Thierwelt um ihn lärmen, Und die Sterne heiß und groß Auf sein Grab herniederblitzen.

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Illustration zu Andre Welt

Interpretation

Das Gedicht "Andre Welt" von Ludwig Eichrodt erzählt von der Reise eines Freundes des lyrischen Ichs in die Neue Welt, insbesondere nach Amerika und Mexiko. Der Freund verlässt die alte Welt, weil er dort keine Ruhe findet, und begibt sich auf eine abenteuerliche Reise in ein Land der Zukunft und der Tatendurstigen. Der Freund folgt dem Banner der Nordstaatler im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg und erlebt die exotische Schönheit der neuen Welt. Er durchwandert tropische Städte, heiße Kakteenwälder und wilde Flusslandschaften. Die grandiose Natur und die fremden Kulturen lassen ihn seine Heimat vergessen, aber auch Sehnsucht nach ihr empfinden. In der neuen Welt begegnet der Freund faszinierenden Menschen, besonders den Mädchen von Puebla, deren Schönheit und Reize ihn betören. Die exotische Natur mit ihren Sternen, Blumen und Tieren überwältigt seine Sinne. Er findet Gefallen an den Schrecken und Wechselspielen der Natur, wie Gewittern und Vulkanen. Das lyrische Ich versteht, dass der Freund seine alte Welt und Freunde vergisst, und beneidet ihn sogar um seinen heroischen Tod im Kampf. Die freie Seele des Freundes webt in den Wunderdüften der neuen Welt weiter, umgeben von Palmen, Tieren und den heißen, großen Sternen, die auf sein Grab niederblicken.

Schlüsselwörter

seele freund menschen drüben ewgem stolzen sonne herz

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Stilmittel

Alliteration
Süßer Sänger musiziret
Anapher
Wenn die Nacht die dämmervolle / Niedersinkt ins Thal der Blumen, / Und der ungeheure Mond / Seine blauen Lichter sendet.
Anspielung
Das des Nordens Heldensöhne / Tragen unter ewgem Sieg / In die Mexikanerberge
Apostrophe
Ha! ich wills ihm nicht verdenken
Bildsprache
Wo die Blüthenbäume tanzen / Und die Quellen aufwärts strömen
Enjambement
Ueberrascht wird unversehens / Von dem herrlichen Roman
Hyperbel
Den gewaltgen Ocean
Kontrast
Wenn die Nacht die dämmervolle / Niedersinkt ins Thal der Blumen
Metapher
Ueber sich der Berge Stern, / Den beschneiten Orizawa.
Oxymoron
Schauernd jubeln zu den Schrecken
Personifikation
Und es jauchzt ihm zu die Sonne.
Symbolik
Ueber sich der Berge Stern, / Den beschneiten Orizawa.
Synästhesie
In den holden Wunderdüften
Vergleich
Gleich geschmolznen Diamanten / Den gewaltgen Ocean