Andenken

Friedrich Hölderlin

1808

Der Nordost wehet, Der liebste unter den Winden Mir, weil er feurigen Geist Und gute Fahrt verheißet den Schiffern. Geh aber nun und grüße Die schöne Garonne, Und die Gärten von Bordeaux Dort, wo am scharfen Ufer Hingehet der Steg und in den Strom Tief fällt der Bach, darüber aber Hinschauet ein edel Paar Von Eichen und Silberpappeln;

Noch denket das mir wohl und wie Die breiten Gipfel neiget Der Ulmwald, über die Mühl′, Im Hofe aber wächset ein Feigenbaum. An Feiertagen gehn Die braunen Frauen daselbst Auf seidnen Boden, Zur Märzenzeit, Wenn gleich ist Nacht und Tag, Und über langsamen Stegen, Von goldenen Träumen schwer, Einwiegende Lüfte ziehen.

Es reiche aber, Des dunkeln Lichtes voll, Mir einer den duftenden Becher, Damit ich ruhen möge; denn süß Wär′ unter Schatten der Schlummer. Nicht ist es gut, Seellos von sterblichen Gedanken zu sein. Doch gut Ist ein Gespräch und zu sagen Des Herzens Meinung, zu hören viel Von Tagen der Lieb′, Und Taten, welche geschehen.

Wo aber sind die Freunde? Bellarmin Mit dem Gefährten? Mancher Trägt Scheue, an die Quelle zu gehn; Es beginnet nämlich der Reichtum Im Meere. Sie, Wie Maler, bringen zusammen Das Schöne der Erd und verschmähn Den geflügelten Krieg nicht, und Zu wohnen einsam, jahrlang, unter Dem entlaubten Mast, wo nicht die Nacht durchglänzen Die Feiertage der Stadt, Und Saitenspiel und eingeborener Tanz nicht.

Nun aber sind zu Indiern Die Männer gegangen, Dort an der luftigen Spitz′ An Traubenbergen, wo herab Die Dordogne kommt, Und zusammen mit der prächt′gen Garonne meerbreit Ausgehet der Strom. Es nehmet aber Und gibt Gedächtnis die See, Und die Lieb′ auch heftet fleißig die Augen, Was bleibet aber, stiften die Dichter.

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Illustration zu Andenken

Interpretation

Das Gedicht "Andenken" von Friedrich Hölderlin thematisiert die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach einer vergangenen Zeit voller Schönheit, Freundschaft und kultureller Vielfalt. Es beginnt mit einer nostalgischen Beschreibung einer Landschaft, die von Wind, Flüssen und Bäumen geprägt ist. Die Natur wird als Ort der Erinnerung und des Verweilens dargestellt, an dem das lyrische Ich Trost und Inspiration findet. Das Gedicht wechselt dann zu einer Betrachtung über die Freundschaft und die Bedeutung von Gesprächen und Erinnerungen. Hölderlin fragt nach den Freunden, die nicht mehr da sind, und vergleicht sie mit Malern, die das Schöne der Erde zusammenbringen. Die Freunde werden als mutige und kreative Menschen dargestellt, die sich nicht vor dem Unbekannten fürchten und die Einsamkeit ertragen können. Das Gedicht endet mit einem Rückblick auf die Vergangenheit und einer Reflexion über die Vergänglichkeit der Zeit. Hölderlin erwähnt, dass die Freunde nach Indien gegangen sind, einem fernen und exotischen Ort, der für Abenteuer und Entdeckungen steht. Er betont, dass das Meer und die Liebe die Erinnerungen bewahren, aber dass die Dichter die bleibenden Werte schaffen. Das Gedicht schließt mit einer Ode an die Freundschaft und die Poesie, die über die Zeit hinweg bestehen.

Schlüsselwörter

schöne garonne strom gehn nacht gut lieb zusammen

Wortwolke

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Stilmittel

anspielung
Bellarmin
bildsprache
An der luftigen Spitz an Traubenbergen
kontrast
Das Schöne der Erd und verschmähn den geflügelten Krieg nicht
symbolik
Was bleibet aber, stiften die Dichter