Andächtige Weihnachts-Gedanken

Sidonia Hedwig Zäunemann

1711

Willkommen allerliebstes Kind Du Herr der Potentaten! O Glück! daß man dich jetzo findt. Wo bist du hingeraten? Du kömmst auf dieses Jammertal, Verlässt den schönen Himmels-Saal, Erwählst der Menschen Orden, Und bist ein Kind geworden!

Jedoch ich wundre mich nicht mehr Dass du den Thron verlassen, Dass du die allergrößte Ehr, Auf eine Zeit willst hassen, Herr, deine Liebe hats gemacht, Die hat dich auf die Welt gebracht, Uns dadurch von den Ketten Der Finsternis zu retten.

Allein, o Herr der ganzen Welt Und aller Herrlichkeiten! Wie hast du dich so sehr verstellt, Legst allen Pracht zur Seiten; Nimmst einen Stall zur Wohnung ein, Wo Ochsen und wo Esel sein, Du wilst anstatt der Wiegen, In einer Krippe liegen.

Um meinetwillen bist du arm, Und sehr gering erschienen; Doch deine Kälte macht mich warm, Du kömmst, nun mir zu dienen. Dein Elend machet mich recht groß, Erwirbet mir des Vaters Schoß: Weil deine Niedrigkeiten, Mir lauter Glück bereiten.

Wie? soll das Stroh dein Lager sein? Lass dir den Tausch belieben, Komm nimm davor mein Herze ein, Ich hab es dir verschrieben. Ach! schenke mir dein Angesicht, Zieh ein, verschmäh mein Bitten nicht, Bleib doch nicht draußen stehen; Ich muß dich bei mir sehen.

Der Glaube soll die Windel sein, Darein will ich dich winden, Es soll der böse Heuchel-Schein Sich nicht mit mir verbinden. Nimm an mein Herz, bereit es zu, ssAuf daß du deine sanfte Ruh Darinnen mögest halten, Und nur nach Willen schalten.

O Jesu! allerliebstes Kind, Erhör mein herzlich Beten, Gib, daß ich Gnade vor dir find, Dein Geist wird mich vertreten. Erhöre doch mein heises Flehn, Und lass es alsobald geschehn, So hab ich, was mir nützet, Und vor den Tod beschützet.

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Illustration zu Andächtige Weihnachts-Gedanken

Interpretation

Das Gedicht "Andächtige Weihnachts-Gedanken" von Sidonia Hedwig Zäunemann ist ein tief empfundenes, christliches Werk, das die Geburt Jesu Christi reflektiert und ihre Bedeutung für die Menschheit hervorhebt. Die Autorin beschreibt die Ankunft des "Herrn der Potentaten" in einer bescheidenen Krippe als ein wunderbares Ereignis, das Glück und Erstaunen hervorruft. Sie betont die Demut Jesu, der den Thron im Himmel verlässt, um als Kind in die Welt der Menschen zu kommen und sie von den Ketten der Finsternis zu erlösen. Die Liebe Gottes wird als treibende Kraft hinter diesem selbstlosen Akt dargestellt. Im weiteren Verlauf des Gedichts vertieft Zäunemann die Kontemplation über die Armut und Demut Jesu, die im krassen Gegensatz zu seiner göttlichen Majestät steht. Sie drückt ihr Erstaunen über die Wahl des Stalls als Wohnort und der Krippe als Schlafplatz aus, anstatt der königlichen Pracht, die man erwarten könnte. Doch gerade durch dieses selbstgewählte Elend erfährt der Mensch Erhöhung und Erlösung. Die Autorin versteht die Demut Jesu als einen Akt der Liebe, der ihr selbst ermöglicht, vor Gott Gnade zu finden und ewiges Glück zu erlangen. Im letzten Teil des Gedichts wendet sich Zäunemann direkt an Jesus und bittet ihn inständig, in ihr Herz einzuziehen. Sie bietet ihr Herz als Ersatz für das Stroh in der Krippe an und bittet um die Gnade, Jesus in ihrem Leben zu sehen und zu erfahren. Der Glaube wird als Windel dargestellt, in die sie Jesus hüllen möchte, während Heuchelei ausgeschlossen wird. Das Gedicht endet mit einem leidenschaftlichen Gebet, in dem die Autorin um die Gegenwart des Heiligen Geistes und den Schutz vor dem Tod bittet, was ihre tiefe Sehnsucht nach Erlösung und ewigem Leben in der Gemeinschaft mit Christus unterstreicht.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anrede
O Jesu! allerliebstes Kind
Hyperbel
Du kömmst auf dieses Jammertal
Kontrast
So hab ich, was mir nützet
Metapher
Und vor den Tod beschützet
Personifikation
Dein Geist wird mich vertreten
Rhetorische Frage
Wie? soll das Stroh dein Lager sein?