An Viele
1877Eines weiß ich, ob ihr mir auch grollt, Daß ich stets das Beste nur gewollt! Sprecht, warum war ich euch denn einst lieb, Welch ein Reiz war′s, der euch zu mir trieb? Schönheit blieb mir fern und Reichthum fehlt, Witz und Geist ist Andern mehr erwählt, Doch ein treues Herz und fester Muth Für das Rechte und der Wahrheit Gut, Liebe zu der Menschheit, die da klagt, Und ein Geist, der nicht vor Mächt′gen zagt - Dies allein ist′s, was mich liebenswerth Machen konnte und zum Freund begehrt! Und nun wundert ihr euch, daß ich heiß Glühe für des Lebens höchsten Preis, Und ihr scheltet, wenn ich laut und frei Rede gegen Lüg′ und Tyrannei, Scheltet, wenn mein Herz von Gram bewegt Für der Menschheit ew′ge Rechte schlägt, Wenn es mitkämpft in dem heil′gen Krieg Für der Liebe großen Sieg! - Was als Wahrheit ich erkannte rein, Muß in′s Leben tragen ich hinein, Künden dürfen, wie der Lerche Lied Morgenfrisch zum freien Himmel flieht! Wendet euch denn von mir - sonder Scheu Steh′ ich einsam, doch mir selbst getreu!
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Interpretation
Das Gedicht "An Viele" von Luise Büchner handelt von der Selbstreflexion und dem Kampf um Authentizität. Die Sprecherin betont, dass sie stets das Beste gewollt hat, selbst wenn dies zu Missgunst bei anderen geführt hat. Sie fragt sich, was die Menschen einst an ihr geliebt haben, und kommt zu dem Schluss, dass es ihre inneren Werte waren: ein treues Herz, fester Mut, Liebe zur Menschheit und ein Geist, der sich nicht vor Mächtigen fürchtet. Diese Eigenschaften machen sie liebenswert und begehrenswert als Freundin. Die Sprecherin zeigt sich verwundert darüber, dass andere erstaunt sind über ihre Leidenschaft für das höchste Gut des Lebens und ihre freimütige Kritik an Lüge und Tyrannei. Sie versteht nicht, warum ihre tiefe Empathie für die ewigen Rechte der Menschheit und ihr Einsatz im "heiligen Krieg" für die große Liebe der Liebe kritisiert werden. Für sie ist es selbstverständlich, die erkannte Wahrheit in das Leben zu tragen und zu verkünden, so wie ein Lied der Lerche frei zum Himmel fliegt. Am Ende des Gedichts akzeptiert die Sprecherin, dass sich andere von ihr abwenden können, ohne sich dabei zu schämen. Sie steht einsam, aber sich selbst treu da. Dies unterstreicht ihre Unabhängigkeit und ihren festen Glauben an ihre Werte, selbst wenn dies bedeutet, allein zu stehen. Das Gedicht ist eine kraftvolle Aussage über die Bedeutung von Authentizität und den Mut, für seine Überzeugungen einzustehen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Lüg' und Tyrannei
- Anapher
- Und ein treues Herz und fester Muth / Für das Rechte und der Wahrheit Gut
- Hyperbel
- Für der Liebe großen Sieg
- Metapher
- Wendet euch denn von mir - sonder Scheu / Steh' ich einsam, doch mir selbst getreu!
- Personifikation
- Für der Menschheit ew'ge Rechte schlägt
- Vergleich
- Wie der Lerche Lied / Morgenfrisch zum freien Himmel flieht