An Uhlands Geist
1848Ems 1871, als an der Wirthstafel ein Kellner aufwartete, der Sonntags zwei Orden trug.
Wenn heut dein Geist herniederstiege In diese deine deutsche Welt, Wie sie nach neuem heil’gem Kriege Ihr Haus gemauert und bestellt: Hoch auf dem Giebel Preußens Krone, Der Bau ein erblich Kaiserthum, – Du zögst in Falten zweifelsohne Die Stirn und schautest kaum dich um;
Dein Auge sänk’ in seine Höhle, Ein Seufzer kündete dein Leid: »O, von der Freiheit heil’gem Oele Ist solch ein Scheitel nicht geweiht! O Tag, so bist du nicht gewesen, An den ich lange fromm geglaubt, Tag, wo mein Volk sich würd’ erlesen In freier Wahl sein Herrscherhaupt!« –
In Ehrfurcht sei von uns gebeten, Hieher in diesen heitern Saal Zum Tisch der Lebenden zu treten, Du ernster Gast im Erdenthal! Du pflegst das Volk nicht zu verachten, So wolle denn, von uns umringt, Den schlanken jungen Mann betrachten, Der uns den Wein, die Schüsseln bringt.
Sieh hin, er trägt ein Kreuz von Eisen An einem schwarz und weißen Band; Dir ist, was dieser Schmuck will heißen, Von alten Tagen wohl bekannt. Doch kann er’s nicht von damals haben, Als Erbe streicht man es nicht ein, Es muß von diesem wackern Knaben Mit eignem Arm errungen sein.
Das zweite, das daneben funkelt Von buntem Schmelz und Goldeslicht, Das feine Ritterkreuz verdunkelt Des schlichten Nachbars Ehre nicht: Sein Landsherr hat’s ihm angeheftet, Des Männerwerthes wohl bewußt. Gib zu: hier ist dein Wort entkräftet Vom trüben Stern auf kalter Brust.
Wenn er, gefällig anzuschauen, Mit grünen Bohnen uns bedenkt: Jüngst hat er mit gegoßnen blauen Aus heißem Rohr den Feind beschenkt. Mit leichtem Griff befreit er eben Das Rebenblut aus seiner Haft: So sachte nicht im Kampf um’s Leben Entkorkte er den rothen Saft.
Da diente er bei andrem Schmause Dem fürchterlichen Schlachtengott Im mörderischen Kugelsause Bei Marslatour und Gravelotte. Mit seinem Volk in Wehr und Waffen Hat er im blutgestriemten Feld Redlich am Reiche mitgeschaffen, Zugleich ein Kellner und ein Held. –
Es thaut auf deinem Angesichte; Dem Geist von höheren. Geschlecht, Dem Genius der Weltgeschichte Beugt sich dein Trotz auf’s alte Recht. Noch ist nicht Alles rund beisammen, Auch uns gefällt’s nicht allerwärts, Doch seh’ ich dir das Auge flammen Und klopfen hör’ ich dir das Herz.
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Interpretation
Das Gedicht "An Uhlands Geist" von Friedrich Theodor Vischer ist ein Lobgesang auf die deutsche Einigung und die Tapferkeit des einfachen Volkes. Es beginnt mit der Vorstellung, dass Ludwig Uhland, ein Dichter und Patriot, heute in die moderne deutsche Welt blicken würde. Uhland, der für Freiheit und Demokratie eintrat, würde die preußische Krone auf dem Giebel und das erblich-kaiserliche Bauwerk mit gemischten Gefühlen betrachten. Er würde zweifeln, ob dieser Tag, der durch einen Krieg erreicht wurde, der ist, an den er glaubte, an dem das Volk in freier Wahl sein Herrscherhaupt wählen würde. Vischer bittet Uhland, in den heiteren Saal zu treten und den jungen Kellner zu betrachten, der ihnen den Wein und die Schüsseln bringt. Dieser Kellner trägt zwei Orden, ein Kreuz von Eisen und ein Ritterkreuz, die er sich durch eigene Tapferkeit verdient hat. Vischer betont, dass diese Auszeichnungen nicht vererbt wurden, sondern vom jungen Mann selbst errungen wurden. Er hat im Krieg gekämpft und dabei sowohl als Kellner als auch als Held gedient. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass selbst Uhlands Geist, der für Freiheit und Demokratie eintrat, von der Tapferkeit und dem Dienst des einfachen Volkes beeindruckt ist. Vischer sieht in Uhlands Augen den Respekt für den Kellner und die Anerkennung seiner Leistung. Er betont, dass zwar nicht alles perfekt ist und nicht jeder mit der neuen Ordnung zufrieden ist, aber die Tapferkeit und der Dienst des Volkes sollten anerkannt und gewürdigt werden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Der Bau ein erblich Kaiserthum
- Anspielung
- Bei Marslatour und Gravelotte
- Enjambement
- Mit seinem Volk in Wehr und Waffen Hat er im blutgestriemtem Feld Redlich am Reiche mitgeschaffen
- Hyperbel
- Mit leichtem Griff befreit er eben Das Rebenblut aus seiner Haft
- Ironie
- Doch kann er's nicht von damals haben, Als Erbe streicht man es nicht ein
- Kontrast
- Doch seh' ich dir das Auge flammen Und klopfen hör' ich dir das Herz
- Metapher
- Du zögst in Falten zweifelsohne Die Stirn und schautest kaum dich um
- Personifikation
- Dem Geist von höheren. Geschlecht, Dem Genius der Weltgeschichte Beugt sich dein Trotz auf's alte Recht
- Symbolik
- Hoch auf dem Giebel Preußens Krone
- Vergleich
- Wie sie nach neuem heil'gem Kriege Ihr Haus gemauert und bestellt