An Silvia

Giacomo Graf Leopardi

unknown

Silvia, erinnerst du noch jene Zeit deines irdischen Lebens, als Schönheit glänzte in deinen lachenden Augen, verstohlenen Blicken, und du, freudig und nachdenklich, die Schwelle der Jugend überschrittest? Es tönten die ruhigen Zimmer, die Wege umher zu deinem steten Gesang, da über weiblichen Werken begriffen du saßest, zufrieden genug mit der heitren Zukunft die du dir träumtest. es war der duftende Mai: und du pflegtest so den Tag zu verbringen. Bisweilen die anmutigen Studien lassend und fleckigen Papiere, worüber ich die Jugend vergeudete und von mir den besseren Teil, lieh ich von oben, von den Balkonen des Hauses mein Ohr dem Klang deiner Stimme, und den geschwinden Händen, die die ermüdende Leinwand durcheilten. den heitren Himmel schaut ich, die gärten und goldnen wege, und da das Meer von weitem, und dort den Berg. sterblichen ist unsagbar was ich im Busen fühlte. Was für süße Gedanken, Hoffnungen, was für Gefühle, o Silvia! wie erschien uns das Leben der Menschen und ihr Geschick! wenn ich mich sovieler Hoffnung erinnre, bedrückt mich ein herbes und trostlos-trübes Gefühl, und weckt mir die Schmerzen über mein Unglück. o Natur, o Natur, warum gibst du uns das nicht, was du uns erst versprichst? warum betrügst du so deine eignen Kinder? Bevor der Winter die Gräser verdorrte, vergingst befalln du von versteckter Krankheit und besiegt, du Holde, Zarte. und sahst nicht die Blüte deiner Jahre; dein Herz umschmeichelte nicht das süße Lob jetzt deiner schwarzen Haare, jetzt deiner scheuen und verliebten Blicke; mit dir nicht redeten an Feiertagen die Freundinnen von Liebe. Binnen kurzem verging auch meine süße Hoffnung: auch meinen Jahren verweigerte das Schicksal die Jugend. ach wie, wie, wie bist du dahingegangen, teure Gefährtin meiner jungen Jahre, meine beweinte Hoffnung! ist dies jene Welt? dies die Freuden, die Liebe, die Tage und Taten, wovon wir soviel zusammen redeten? ist dies das Schicksal des Menschengeschlechtes? beim erscheinen des Wahren fielest, unglückliche, du: und mit der Hand zeigtest du mir den kalten Tod und ein nacktes Grab von Ferne.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu An Silvia

Interpretation

Das Gedicht "An Silvia" von Giacomo Graf Leopardi ist ein melancholischer Rückblick auf eine vergangene Jugendzeit, die von Schönheit, Hoffnung und unerfüllten Träumen geprägt war. Der Sprecher erinnert sich an Silvia, eine junge Frau, die einst voller Lebensfreude und Zukunftsträume war, bevor sie von einer Krankheit dahingerafft wurde. Die Erinnerungen sind durchdrungen von einer tiefen Sehnsucht nach der verlorenen Zeit und der unerfüllten Liebe. Der Sprecher beschreibt die idyllische Atmosphäre der Jugend, in der Silvia in ihrem Zimmer saß und an weiblichen Arbeiten verrichtete, während er von oben ihre Stimme und die Bewegung ihrer Hände hörte. Die Natur um sie herum – der Himmel, die Gärten, der Weg und das Meer – spiegelt die Schönheit und Unschuld dieser Zeit wider. Doch diese Schönheit steht im krassen Gegensatz zur späteren Realität, in der Silvia und der Sprecher selbst von Krankheit und Schicksalsschlägen heimgesucht wurden. Das Gedicht endet mit einer tiefen Enttäuschung über das Leben und das Schicksal der Menschheit. Der Sprecher fragt sich, ob dies die Welt und die Freuden sind, von denen sie einst so viel geträumt haben. Die Wahrheit über das Leben und den Tod, die sich ihnen offenbart hat, hat Silvia und den Sprecher in ihrer Blütezeit getroffen und ihnen die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft genommen. Das Gedicht ist ein ergreifendes Zeugnis der Vergänglichkeit und der Unausweichlichkeit des Todes.

Schlüsselwörter

jugend süße hoffnung silvia wege heitren natur warum

Wortwolke

Wortwolke zu An Silvia

Stilmittel

Anapher
O Natur, o Natur
Hyperbel
Mein Ohr dem Klang deiner Stimme
Metapher
Die Blüte deiner Jahre
Personifikation
Bevor der Winter die Gräser verdorrte
Rhetorische Frage
Ist dies jene Welt? Dies die Freuden, die Liebe, die Tage und Taten
Vergleich
Nacktes Grab von Ferne