An Sie
1897Was birgst du dich vor mir? Ich habe In meinen Träumen schon als Knabe, Als Jüngling schon dich oft geschaut, Sanft deiner Nähe Hauch empfunden Und morgens, wenn du mir entschwunden, Mit Thränen meinen Pfühl betaut.
Wenn nächtlich unterm Sternendache Das Rufen mir, das tausendfache, Von Wald und Flur zum Ohre drang, Oft fernher durch der Stürme Brausen, Der Ströme Rauschen, in den Pausen Vernahm ich deiner Stimme Klang.
In allem Hohen, allem Schönen Der alten Dichtung, in den Tönen, Mozarts und Webers hört′ ich sie; Beim Orgelklang durch die Choräle Erscholl sie mir, und meine Seele Trank brünstig ihre Melodie.
Doch, die du immer mich umschwebtest, Oft fragt′ ich zweifelnd, ob du lebtest, Weil keine dir auf Erden glich. Und, wie die wechselnden Gestalten Des Lebens mir vorüberwallten, In jeder, jeder sucht′ ich dich.
Ich sah sie kommen, sah sie schwinden, Und konnte nie die eine finden, Nach der das Herz mir einzig rang - Mein Haupt verhüllt′ ich da voll Trauer Und fühlte, wie des Todes Schauer Durch meine Glieder eisig drang.
Schon schwand vom Leben mir das Beste, Verdorrend sinken seine Aeste, Welk seine Blätter nach und nach; Doch wieder naht, im Sturm sich wiegend, Der Frühling, Grab und Tod besiegend, Und neu wird alte Hoffnung wach.
Komm denn, du, die mir immer fehlte, Braut, der ich mich im Geist vermählte! Birg meinem Blick dich länger nicht! Mit hohen, sehnsuchtschweren Schlägen Klopft zitternd dir mein Herz entgegen! Komm, daß es nicht in Jammer bricht!
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Interpretation
Das Gedicht "An Sie" von Adolf Friedrich Graf von Schack ist eine leidenschaftliche und sehnsuchtsvolle Liebeserklärung an eine idealisierte Frau, die der Sprecher schon sein ganzes Leben lang in seinen Träumen und in der Schönheit der Natur und Kunst gesucht hat. Er beschreibt, wie er schon als Knabe und Jüngling von ihr geträumt und ihre sanfte Nähe gespürt hat, und wie er ihre Stimme in den Rufen der Natur, in der Musik Mozarts und Webers und im Klang der Orgel gehört hat. Er fragt sich, ob sie wirklich existiert, da keine Frau auf Erden seiner Vorstellung entspricht, und sucht sie in jeder Gestalt des Lebens, die an ihm vorüberzieht. Doch er findet sie nie, und er verhüllt sein Haupt voller Trauer und fühlt den Schauer des Todes in seinen Gliedern. Er sieht sein Leben verwelken und seine Hoffnung schwinden, aber dann naht der Frühling und besiegt Grab und Tod, und die alte Hoffnung wird neu wach. Er ruft sie an, die ihm immer gefehlt hat, die Braut, die er sich im Geist vermählt hat, und bittet sie, sich seinem Blick nicht länger zu verbergen. Er klopft ihr mit hohen, sehnsuchtschweren Schlägen sein zitterndes Herz entgegen und fleht sie an, zu kommen, damit es nicht in Jammer bricht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Von Wald und Flur zum Ohre drang
- Hyperbel
- Das Rufen mir, das tausendfache
- Metapher
- Komm, daß es nicht in Jammer bricht
- Personifikation
- Die alte Dichtung